Jensen Interceptor R – Neuer alter Brite

Wenn ein altes Auto neu aufgelegt wird, geht man normalerweise von einem Neuwagen mit ähnlichen Formen aus (siehe New Stratos). Nicht so beim Jensen Interceptor R. Hier handelt es sich um revidierte und verbesserte Fahrzeuge direkt aus den 1960er und 70er Jahren. Durch einen Corvette-Motors, ein neues Fahrwerk, neue Bremsen und bessere Verarbeitung innen und außen entsteht hier ein interessanter Wagen, der Tradition und Moderne verbindet.

Jensen Interceptor R

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Autofans dürfte die Formensprache des Jensen Interceptor wohlbekannt sein. Nun kann man verbesserte und leistungsstärkere Fahrzeuge neu erwerben.

Die Briten sind schon ein merkwürdiges Völkchen. Jahrzehntelang hatte die Kanalinsel eine der reichsten Automobilindustrien weltweit, nur, um diese dann in den 1970ern fast samt und sonders in einem einzigen Konzern zusammenzufassen. British Leyland war der offizielle Name des Ganzen, der jedoch hierzulande dank der eher minderwertigen Qualität der Produkte schnell zu „Britisch Elend“ verblödelt wurde. Heute sind nur noch wenige Klein- und Kleinstserienhersteller in Großbritannien nicht von großen Konzernen abhängig, während Traditionshersteller wie Aston Martin, Jaguar und Bentley bereits seit Jahren nicht mehr „urbritisch“ sind.

Übrig blieben Marken wie Morgan und auch Jensen. Jensen? Ja, die kleine Marke existiert noch, wenn auch weit unter dem Radar der meisten Käufer. Wirklich neue Modelle stellt man auch nicht mehr her, aber die Pflege der Bestandsfahrzeuge wird mit umso mehr Liebe vorangetrieben. Zusätzlich bietet man auf Wunsch Modernisierungen an. Unter diese Kategorie fällt auch der Jensen Interceptor R, um den es hier gehen soll.

Auf die Welt kam der Jensen Interceptor vor 45 Jahren, also 1966. Damals galt sein Design mit dem verglasten Schrägheck und der steilen Front als zukunftsweisend. Allerdings wurde sein zeitgleich gebauter Bruder Jensen FF, der dem Interceptor bis auf wenige Details wie ein Ei dem anderen gleicht, dank seines Allradantriebs und dem ersten serienmäßig verbauten Antiblockiersystems zur automobilen Legende, während der Interceptor bald in die Gebrauchtwagenecken der Autohäuser abrutschte und anschließend sogar bei verschiedenen Fähnchenhändlern zu sehen war. Dies liegt vermutlich zum einen an der höheren Stückzahl gegenüber dem FF, von dem lediglich rund 320 Wagen entstanden, zum anderen aber auch an der sprichwörtlichen britischen Verarbeitungsqualität.

Wie schon erwähnt kümmert sich Jensen International Automotive mit Sitz in Thame, nordwestlich von London, um den Erhalt und die technische Aufwertung dieser Fahrzeuge. Nun präsentiert man einen komplett revidierten Wagen unter dem Namen Jensen Interceptor R. Die Karosserie stammt von der dritten und letzten Serie des Interceptor, die bis 1976 gebaut wurde. Es handelt sich um Gebrauchtfahrzeuge, die man in aller Welt aufkauft und dann im Kundenauftrag wieder neuaufbaut, wobei die Rostvorsorge eine große Rolle spielt. Danach kann lacktechnisch alles aufgetragen werden, was der neue Besitzer wünscht, ob Metallic, Uni oder Perlmutteffekt. Sonst wird an der Karosserie nichts verändert, nur die passenden Spaltmaße werden penibel eingestellt.

Unterm Blech sieht das Ganze schon anders aus. Die Aufhängung erhält rundum Doppelquerlenker mit neuen Federn und einstellbaren Dämpfern. Somit wird dem Oldtimer ein völlig neues Fahrverhalten antrainiert. Dazu gesellen sich vorn innenbelüftete Bremsscheiben mit 330 Millimeter Durchmesser. Hinten sind es immerhin noch 280 Millimeter. Diese werden von Bremsen-Spezialist AP zugekauft und garantieren ordentliche Verzögerungswerte. Damit die Bremsen auch in die Felgen passen, wurden diese im Original-Look von Jensen nachgefertigt, allerdings in 17 Zoll Größe.

Noch mehr Arbeit als mit dem Fahrwerk machte man sich jedoch unter der Motorhaube. Das alte Vergasertriebwerk fliegt raus und macht einem modernen Aggregat Platz. Dieses stammt ursprünglich aus einer Corvette und leistet in der Grundversion mindestens 435 PS aus 6,2 Litern Hubraum. Auf Wunsch sucht Jensen im Motorblock nach weiteren Pferdchen und kitzelt diese aus dem Schlaf. Die Kraft wird über eine Viergang-Automatik von GM auf die Hinterräder übertragen. Bereits in der Basisversion rennt der Interceptor R in nur 4,5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h und kann maximal 258 Stundenkilometer schnell werden. Damit kann man im heutigen Verkehr mehr als ordentlich mitschwimmen, immerhin war der Interceptor schon immer eher Reise- denn Rennwagen.

Speziell an der Verarbeitungsqualität des Innenraums gab es beim Interceptor zeitlebens Kritik der Tester und Besitzer. Jensen International Automotive legt hier gezielt Hand an und verbaut eine Voll-Lederausstattung in Wunschfarbe, die mit Doppelnähten am Platz gehalten wird. Dazu gibt es Teppiche in hochwertiger Qualität und wahlweise echtes Holz (keine Holzfolie) oder Aluminium am Armaturenbrett, in das auch der neue Startknopf für den V8-Motor integriert ist. Schön eingearbeitet ist auch die moderne Audioanlage, die dank sorgfältiger Auswahl der Komponenten so verbaut ist, dass man mehrmals hinschauen muss, um sie überhaupt zu entdecken. Das Radio in der Mittelkonsole ist ein Becker Mexico der neuesten Generation, dessen Aussehen gezielt das Design der 60er Jahre wiederaufnimmt.

Interessenten für einen Jensen Interceptor R sollten fünf Monate Zeit und mindestens 125.000,- € mitbringen. Insgesamt sollen pro Jahr nicht mehr als 20 Fahrzeuge entstehen. Mehr Informationen erhält man unter www.jensen-cars.co.uk.

Quelle: Jensen International Automotive

Autor: Matthias Kierse

13. Februar 2011|Categories: Magazin|Tags: |

4 Comments

  1. Muhviehstar 13. Februar 2011 at 18:33

    Der Startknopf ist äußerst peinlich.

  2. Schnittlauch 14. Februar 2011 at 07:08

    Jensen, einer der großen alten Marken, neben Bristol und Aston Martin. Schön, dass sich jemand um die alten Karosserien kümmert.

  3. MarioRoman 14. Februar 2011 at 11:01

    Der Startknopf ist äußer geil 😉

  4. Markus Berzborn 15. Februar 2011 at 22:11

    Der Interceptor ist scheinbar nicht totzukriegen, das bewerte ich auf jeden Fall positiv.

    Aber persönlich würde ich lieber eine Restauration auf Neuzustand oder besser und eine Leistungssteigerung mit zeitgenössischer Technik der 70er Jahre in Erwägung ziehen. Also keinen anderen Motor, sondern Optimierung des alten Chrysler-Blocks und auch kein anderes Fahrwerk.