Bremen Classic Motorshow 2010 – Nachbericht

Zum achten Mal hieß es gestern „Die Bremen Classic Motorshow ist eröffnet!“. 554 Aussteller präsentieren noch bis Sonntag ihre Fahrzeuge, Ersatzteile und Literatur. Dazu sorgt eine „100 Jahre Alfa Romeo“ -Sonderausstellung für Begeisterung. Acht Fahrzeuge aus der Markenhistorie sorgen für tiefe Einblicke in die langjährige Tradition der Mailänder und zeigen zugleich, wie sich das Fahrzeugdesign binnen einem Jahrhundert weiterentwickelte.

100 Jahre Alfa Romeo

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Wer nach der Lektüre dieses Artikels und dem Betrachten der Bilder selbst Lust verspürt, die Bremen Classic Motorshow zu besuchen, hat dazu noch bis Sonntag zwischen 9:00 und 18:00 Uhr die Gelegenheit.

Halle 5

In Halle 5 gab es zwei Sonderschauflächen, eine davon beschreibe ich gesondert im Unterpunkt „100 Jahre Alfa Romeo“. Auf der anderen standen besondere Fahrzeuge, die zum Großteil zum Verkauf angeboten wurden. Sie alle verbindet die Herkunft: Italien. So stand dort ein Alfa Romeo 6C 1750 Grand Sport (GS) mit einer Karosserie von Brichet aus der Schweiz. Dieses Fahrzeug ist damit ein absolutes Unikat und steht sonst in einer privaten Sammlung. Ein 1975er Lancia Stratos in Gruppe 4-Rallye-Spezifikation stand in direkter Nachbarschaft des Alfa und zeigte sich dem Publikum in leuchtendem Gelb. Das Fahrzeug hat eine reiche Rennsportvergangenheit in Rallyes und Bergrennen hinter sich und steht aktuell zum Verkauf. In einem wunderschönen dunkelblau präsentierte sich ein Dino 246 GT mit gerade einmal 65.000 Kilometern auf dem Tacho. Laut Verkäufer stimmen alle Nummern mit den Werksdokumenten überein und auch Lack und Leder sind im Originalzustand. Dies darf man zwar auch vom dunkelrot lackierten Alfa Romeo 6C 2500 Sport Berlina Freccia d’Oro daneben sagen, jedoch wird hier auf den ersten Blick deutlich, dass der Wagen mehr Geschichten erzählen kann. Er wurde 1950 an einen Uhrmacher in der Schweiz ausgeliefert, der ihn 17 Jahre lang behielt und fuhr. Anschließend ging er an einen Sammler, der den 45.000 km gelaufenen Wagen zusammen mit 16 weiteren Oldtimern versteckte. Vor zwei Jahren wurde der Dornröschen-Schlaf dieser Fahrzeuge beendet und heute steht dieser Wagen fahrfertig aber mit ordentlich Patina zum Verkauf. Eine von Pininfarina gezeichnete Lancia Flaminia Limousine sorgte für Erstaunen. Die Optik wurde in großen Teilen vom Prototyp Lancia Florida übernommen, über den Batista Pininfarina einmal gesagt haben soll: „Damit möchte ich in den Himmel fahren.“ Spannend sind Details wie die Form der D-Säulen oder auch gleich zwei Scheibenwischer an der Heckscheibe an einem Auto mit Baujahr 1959. Heimlicher Star der Ausstellungsfläche war jedoch ohne Frage das Lancia Astura Cabriolet mit Boneschi-Karosserie. Dieser Wagen hat 2009 den Concours d’Elegance an der Villa d’Este gewonnen und man kann klar sehen, warum. Das über 6 Meter lange Fahrzeug ist vermutlich das letzte existierende Exemplar der 15 Chassis, die Lancia 1937 baute und von verschiedenen Karosseriefirmen einkleiden ließ.

Neben DEM typischen Auto auf deutschen Oldtimermessen, einem Mercedes-Benz 300 SL, fand sich auch eine absolute Kuriosität in Halle 5. Haben sie immer schon von einem klassischen 190 SL Roadster geträumt, aber durch ihre Familie ist lediglich ein Kombi möglich, um alle von a nach b zu bringen? Nun, ihnen kann eventuell geholfen werden. Auf Basis eines Mercedes-Benz E-Klasse T-Modells, Baureihe S123, fand sich hier ein Umbau mit Front und Heck des 190 SL. Selbst die Türen waren bearbeitet worden. Daneben fanden sich zahlreiche neue und alte Klassiker, die zum Verkauf standen. Von Lotus Exige S1 über Maserati Ghibli und Iso Grifo bis zum selten Alfa Romeo TZ. Zwischendrin auch immer wieder Stände mit Modellautos und kompletten Dioramen. Ein Diorama ist eine der Wirklichkeit möglichst gut nachempfundene Szenerie. Hier gibt es auf Wunsch alles, von Scheunenfunden bis zur modernen Werkstatt. Der bekannte Oldtimerhändler Mirbach brachte einen wunderschönen grünen Alfa Romeo Montreal mit nach Bremen, der sich in punkto Schönheit mit einem top restaurierten blauen Porsche 911 Targa, einem ebenso wundervoll restaurierten Jaguar XK120 Roadster und einem seltenen Fiat 8V Rapi Coupé messen musste. Es handelte sich um den 86sten von nur 114 gebauten Fiat 8V, der in Bremen für 450.000,- Euro zum Verkauf angeboten wurde. Damit spielte er preislich im oberen Feld der Offerten mit, doch auch ein Alfa Romeo 6C 2500 S Cabrio mit Karosserie von Pinin Farina, das 1947 neu nach Südafrika geliefert worden war und seit den 80ern wieder in Europa ist, sollte nicht unerwähnt bleiben. Es sucht für 255.000,- Euro einen neuen Besitzer. In einem gänzlich anderen Kundenumfeld sucht ein Porsche 964 Carrera 4 Lightweight nach neuen Betätigungsfeldern. Er wurde vom R.E.D.-Rallyeteam in Schottland für die McRae-Brüder zu einem Rallyefahrzeug aufgebaut und steht inklusive Zubehör zum Verkauf.

Einen Stand muss man gesondert erwähnen – den der Collection Schlumpf aus Mulhouse im Elsass. Passend zum Messemotto brachte man 6 italienische Klassiker mit, die meisten davon wurden erstmals ausserhalb des Museums präsentiert. Drei wunderschöne seltene Alfa Romeo, zwei Maserati und ein Ferrari 250 LM, alle sechs zusammen gut im siebenstelligen Eurobereich unterwegs.

Halle 6

Da ein Großteil der Messe unter dem Motto „Bella Italia“ stand, schlossen sich viele Aussteller an und zeigten ihrerseits überwiegend italienische Fahrzeuge. Der letzte von nur 15 gebauten Alfa Romeo Giulietta SVZ aus der Scuderia Conreiro oder ein Alfa Romeo 6C 1750 GS mit Spider-Karosserie von Castagna mit Matching Numbers warten auf neue Besitzer. Ebenso ein TVR Tuscan oder ein weißer Lamborghini Espada mit passend abgestimmter Innenausstattung. Auf dem Stand des Club Historischer Renn- und Sportwagen Nürburgring e.V. (CHRSN) reihten sich klassische Maserati, Lancia, Alfa Romeo und Bizzarrini dicht bei dicht. Am Beispiel eines Austin Healey wurde aufgezeigt, was mit perfekter Restaurierungsarbeit alles möglich ist. Ein seltenes Alfa Romeo Giulia Sprint GTC Cabriolet oder ein signalorange-farbener Porsche 911 Targa fanden sich ebenso in dieser Halle.

Halle 7

In Halle 7 fanden sich Fahrzeuge aus der langen Tradition Bremens als Automobilstadt. Goliath- und Borgward-Clubs zeigten ihre Schätze, die sich überwiegend in Bestzustand präsentierten. Dazu zeigte der Ford-Club ein Fahrzeug der Baureihe 17m, liebevoll mit dem Spitznamen „Badewanne“ versehen. Diese Serie feiert in diesem Jahr ihren fünfzigsten Geburtstag. Ein Volkswagen Karmann Ghia als Campingfahrzeug? Ja, auf einem der Clubstände gab es so etwas tatsächlich zu sehen. Etwas ungewohnt, dieser Anblick, zugegeben, aber man könnte sich daran gewöhnen.

Private Fahrzeugbörse

Neben den vielen offiziellen Old- und Youngtimerhändlern bietet die Messe Bremen auch Privatleuten eine Basis, um ihren Klassiker verkaufen zu können. Dazu wird das in den Messehallen integrierte Parkhaus freigehalten und zur Verfügung gestellt.

Vom Harlekin-Käfer bis zum Rolls-Royce waren hier so ziemlich alle Fahrzeugklassen vertreten. Auch einige seltene Exoten wie ein DeLorean – standesgemäß mit Flux-Kompensator – oder ein in Deutschland annähernd unbekannter Jensen GT waren vertreten. Hauptsächlich standen jedoch Mercedes-Benz-Fahrzeuge der E- und S-Klasse herum. Darunter auch ein 500 E (W124) und ein Binz-Kombiumbau auf Basis einer S-Klasse (W126). Auch amerikanische Klassiker und deutsche Youngtimer mit amerikanischem Design, wie der Opel Diplomat V8, standen zum Verkauf. Ebenso Porsche in den wiederentdeckten Modefarben weiß oder braun.

100 Jahre Alfa Romeo

Wer, wie ich, am Freitag um kurz nach 9:00 Uhr bereits die Halle 5 betrat, war eventuell etwas enttäuscht ob der abgedeckten Alfa Romeos auf der Sondershow-Fläche. Jedoch können diese Autos durchaus auch unter rotem Tuch ihre reizvollen Formen entfalten. „Schlafende Schönheiten“ ist wohl der passende Titel und nicht wenige Besucher rätselten, welche Fahrzeuge sich wohl unter diesem oder jenem Tuch verbergen möge. Nach der feierlichen Eröffnung der Messe wurde von Bremens Wirtschafts-Senator Ralf Nagel und Messe Bremen-Geschäftsführer Hans Peter Schneider unter den wachsamen Augen vom Alfa Romeo Storico-Sammlungsleiter Stefano Agazzi das Fahrzeug enthüllt, das bereits monatelang von den offiziellen Messeplakaten herabstrahlte: der Alfa Romeo 33 Stradale Prototyp.

Signore Agazzi leitet in Arese bei Milano die Alfa Romeo-Werkssammlung. Rund 130 Fahrzeuge und einige Flugzeug- und Automotoren werden dort in einem Museum interessierten Besuchern gezeigt. Die Besonderheit dabei ist, dass über 90% der Museumsfahrzeuge lauffähig sind und auch regelmäßig bei Oldtimerfahrten an den Start gehen. Nach Bremen brachte Agazzi insgesamt acht Fahrzeuge mit.

Der Alfa Romeo 6C 1750 GS, der in Bremen ausgestellt war, ist ein besonderes Fahrzeug der Alfa-Renngeschichte. Mit genau diesem Fahrzeug wurde 1930 die Mille Miglia mit einem neuen Durchschnittsgeschwindigkeitsrekord jenseits der 100 km/h gewonnen.

Ein weiteres Ausstellungsstück war der Gran Premio Tipo B P3 von 1932. Mit diesem 8-Zylinder-Monoposto wurden damals bereits 230 km/h erreicht. Rennleiter war übrigens ein gewisser Enzo Ferrari, der einige Jahre zuvor noch als Werksfahrer am Steuer der Alfa Romeo-Rennwagen gedreht hatte.

1938 nahm Alfa Romeo mit dem 8C 2900 B am 24-Stunden-Rennen in Le Mans teil. Das Fahrzeug führte mit über 10 Runden Vorsprung, musste dann jedoch aufgrund eines Ventildefektes aus dem Rennen genommen werden. Nach vielen Jahren in einer privaten englischen Fahrzeugsammlung, konnte es Mitte der 80er Jahre von Alfa Romeo zurückgekauft und restauriert werden. Die wahnsinnig sinnliche Karosserieform kam von Touring in Italien und war durchaus praktisch gestaltet. So gibt es seitliche abnehmbare Wartungsklappen und aerodynamisch günstig versteckte Lederriemen für die Motorhaube.

Auch der Alfa Romeo 159 „Alfetta“ ist ein ganz besonderes Fahrzeug. Mit exakt dem ausgestellten Auto wurde Juan Manuel Fangio 1951 das erste Mal Formel 1-Weltmeister. Der Wagen leistete gewaltige 425 PS bei nur 750 Kilogramm Leergewicht.

Der Alfa Romeo C 52 Disco Volante ist wohl der optisch ungewöhnlichste Alfa aller Zeiten. Die Karosserie zieht sich weit über die Räder und umschließt den kompletten Wagen. Diese Tatsache brachte ihm auch seinen Namen „Disco Volante“, auf deutsch „Fliegende Untertasse“ ein.

Einer der unbestrittenen Stars der Bremen Classic Motorshow ist hingegen der Alfa Romeo 33 Stradale Prototyp. Ihm folgte Ende der 1960er Jahre eine minimale Serie von 18 straßentauglichen Rennwagen. Gleichzeitig gingen Ableger des Fahrzeuges bei Sportwagenrennen weltweit an den Start. Anfangs mit dem selben 2 Liter Achtzylindermotor, wie er im Stradale auch steckte, final dann im 33 TT12 mit einem turbo-aufgeladenen Flachboxer-Zwölfzylinder. Der Stradale ist lediglich 1,07 Meter hoch und gehört damit zu den flachsten Fahrzeugen mit Dach aller Zeiten. Sein Motor leistet 230 PS, womit er bereits Ende der 60er Jahre die Schallmauer von 100 PS pro Liter Hubraum durchbrach. Über Formen und Geschmack lässt sich fein streiten, für den Autor dieser Zeilen gehört der 33 Stradale jedoch zu den schönsten jemals hergestellten Automobilen.

Im Vorfeld nicht angekündigt war der Alfa Romeo Carabo, ein Konzeptfahrzeug von Bertone. Gezeichnet hat ihn ein gewisser Marcello Gandini, der kurze Zeit später für Lamborghini den unvergessenen Countach schuf und auch dort wieder auf die nach vorne-oben öffnenden Türen zurückgriff. Im Heck des Carabo arbeitet der selbe Achtzylindermotor wie im 33 Stradale. Der futuristisch gestaltete Innenraum ist beinahe komplett mit dunkelgrauem Alcantara ausgeschlagen.

Aus der Neuzeit war ein Exemplar des auf 500 Stück limitierten Alfa Romeo 8C Spider vertreten. Dieses Fahrzeug holt die sinnlichen Formen des für Alfa typischen „Cuore Sportivo“, des „sportlichen Herzens“ wieder hervor und verkörpert mit seinem 450 PS starken V8 eine Wiederbelebung des 33 Stradale.

Motorräder

Zwar handelt es sich bei dieser Seite immer noch um CARpassion, dennoch wäre ein Rückblick auf die Bremen Classic Motorshow unvollständig, wenn man die Motorräder nicht erwähnt. Neben einem Überblick über die gesamte Zweiradgeschichte gab es eine Sondershow unter dem Motto „Bella Italia“.

Über 30 seltene italienische Motorräder standen im Rampenlicht, darunter skurrile Fahrzeuge wie ein Roller von Lambretta mit Ersatzrad unterm Tank oder originale Rennmaschinen, unter anderem von Vittoria, Moto Guzzi, Ducati und Bianchi.

Infos finden sich auch unter www.classicmotorshow.de.

Autor und Fotograf: Matthias Kierse

5. Februar 2010|Categories: Magazin|