McLaren X-1 – Einzigartige Wunscherfüllung

Dass man bei McLaren Special Operations den einen oder anderen Wunsch in Bezug auf seinen McLaren-Sportwagen erfüllt bekommt, war bekannt. Wie weit jedoch eine solche Wunscherfüllung im Einzelfall gehen kann, wird erst jetzt durch den McLaren X-1 enthüllt, der in Pebble Beach erstmalig gezeigt wurde. Für einen wohlhabenden Kunden wurde hier ein absolutes Unikat erschaffen, dessen Vorbilder die automobile Historie umfassen.

McLaren X-1

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Grimmig schaut der McLaren X-1 in die Welt hinaus. Selbst die Leuchteinheiten wurden komplett neu entwickelt und einzeln homologiert, um eine Straßenzulassung möglich zu machen.

Was passiert, wenn man einen Designer und einen Techniker mit einem vermögenden Autofan zusammensetzt und über den Herzenswunsch des letzteren diskutieren lässt? Wenn sich das Meeting bei McLaren Special Operations zuträgt könnte daraus ein einmaliges Fahrzeug entstehen. So geschehen mit dem beim diesjährigen Pebble Beach Concours d’Elegance präsentierten McLaren X-1. Die Erstbegegnung zwischen dem Kunden, der bereits einen McLaren F1, einen Mercedes-Benz SLR McLaren und einen McLaren MP4-12C in seiner Sammlung stehen hat, und den beiden verantwortlichen Personen von McLaren, Paul MacKenzie und Frank Stephenson, dauerte drei Stunden. Im Anschluss daran suchte das Team von McLaren Special Operations hunderte Bilder von designtechnisch bedeutenden Automobilen, aber auch herausragender Architektur, Mode, generellem Design und selbst Filmkunst heraus. Immerhin war das Kernthema für das gewünschte Einzelstück klar umrissen: Ein zeitloses Automobil mit klassisch-eleganten Linien.

In weiteren Gesprächen wurden die Inspirationsquellen schließlich festgelegt. Aus dem automobilen Sektor blieben der Mercedes-Benz 540 K von 1939, der Chrysler d’Elegance Ghia von 1953, der Buick Electra von 1959, der Facel Vega von 1961 und der Citroën SM von 1971 übrig. Dazu kamen Vorbilder aus der Architektur wie die Guggenheim Museen in New York und Bilbao, eine Jaeger LeCoultre Uhr, ein Airstream Campinganhänger, ein Montblanc Thomas Mann Füllfederhalter, ein Konzertflügel und als etwas außergewöhnlicher Gegenstand in dieser Auflistung von Designklassikern: Eine Aubergine. Nach einem vom Kunden gewünschten Wettbewerb zwischen McLarens eigenen Designern und weiteren aus der freien Wirtschaft – von denen einige nichts mit Automobildesign zu tun haben – entschied man sich schließlich für die Entwürfe des Nachwuchsdesigners Hong Yeo aus Südkorea, der nach erfolgreichem Abschluss am Royal College of Arts im McLaren Designstudio eine Anstellung gefunden hat. Gemeinsam mit Designchef Stephenson vollendete er seine Zeichnungen zu einem fertigen Fahrzeug.

Dabei gab es die durchaus greifbare Schwierigkeit der Linienfindung. Wer die Liste der Vorbildfahrzeuge weiter oben genauer gelesen hat, wird feststellen, dass allesamt den Motor vorn haben. Basis für das Einzelstück, um das es hier geht, ist jedoch der McLaren MP4-12C, der ein reinrassiger Mittelmotor-Sportwagen ist. Wie also Details vom einen auf das andere Fahrzeug übertragen, ohne diese deplatziert wirken zu lassen? Nachdem eine entsprechende Designsprache gefunden war, wurde ein Modell im Maßstab 1:3 gebaut, um anhand eines greifbaren Fahrzeugs Details mit dem Kunden besser abklären zu können. Darauf hatte dieser auch bestanden und somit den ursprünglichen Plan vom rein am Computer entwickelten 3D-Modell über den Haufen geworfen. Insgesamt dauerte die finale Designfindung volle 18 Monate. Ob das Ergebnis nun jedermann gefällt oder nicht, sei einmal dahingestellt, Fakt ist auf jeden Fall, dass sich der McLaren X-1 in kaum ein Schema pressen lässt und wohl auch kaum von einem Nichtkenner direkt und zweifelsfrei einem genauen Baujahr zugeordnet werden kann.

Da die Idee zum X-1 bereits vor Serienanlauf des McLaren MP4-12C feststand, verwundert es eventuell nicht, dass kein Karosserieteil vom bekannten Sportwagen übernommen wurde. Selbst die Leuchteinheiten wurden für viel Geld einzeln homologiert, um eine Straßenzulassung des Unikats zu ermöglichen. Als Rückgrat fungiert die Monozelle des MP4-12C, die dank ihrer flexiblen Einsetzbarkeit das Anbauen anderer Karosserieteile problemlos ermöglicht. Natürlich bestehen diese aus hochfesten und ultraleichten Carbon-Composite-Materialien, um den X-1 auf einem Level mit seinem Basisfahrzeug zu halten. Damit dies nicht nur auf dem Papier versprochen wird, sondern auch vom neuen Besitzer erfahren werden kann, erhielt der McLaren X-1 ein eigenes Test- und Entwicklungsprogramm inklusive Windkanalaufenthalten und Fahrtests über rund 1.000 Kilometer auf der spanischen Rennstrecke Idiada mit McLaren Cheftestfahrer Chris Goodwin am Steuer.

Im Anschluss daran wurde der McLaren X-1 bis auf die letzte Schraube zerlegt und von Hand mit Concours-Standard wieder zusammengesetzt, um ein hervorragendes Finish für den neuen Besitzer zu gewährleisten. Die meisten Karosserieteile sind mit schwarzem Klavierlack überzogen, während sich die Seitenfläche des Fahrzeugs in Sichtcarbon präsentiert. Über die Gürtellinien des Wagens verlaufen von der Front zum Heck Aluminiumleisten, die aus einem soliden Stück gefräst wurden und anschließend eine Oberflächenbehandlung mit Nickel erhielten. Ebenso findet sich eine Einrahmung unterhalb der Scheiben, die hinten zusätzlich den Motorraum umrahmt. In den Radhäusern sitzen einzigartige Leichtmetallfelgen, die zum Teil diamantgedreht wurden. Die restlichen Partien erhielten einen eingefärbten Klarlack, um sie auf die vernickelten Aluminiumteile an der Karosserie abzustimmen.

Ein wahrlich ungewöhnliches Detail für heutige Automobile sind die abgedeckten hinteren Räder. Um diese wechseln zu können fahren die Carbonabdeckungen an speziell angefertigten Scharnieren nach oben. Die Türen des McLaren X-1 öffnen wie beim MP4-12C schräg nach oben und vorne und geben damit den Zutritt für bis zu zwei Personen frei. Hier wünschte der Kunde keine optischen Änderungen gegenüber dem MP4-12C-Interieur. Einzig Nappaleder in Harissa Rot, vernickelte Aluminium-Bedienteile und Sichtcarbon-Designblenden unterscheiden den X-1 innen vom Basisfahrzeug. Auch unter der Motorhaube blieb alles beim Alten. Im X-1 arbeitet also ebenfalls der 3,8 Liter große Biturbo-V8 mit 460 kW/625 PS.

Der McLaren X-1 ist keinesfalls ein typisches Produkt von McLaren Special Operations, unterstreicht aber den eigenen Anspruch: Das einzige Limit ist die Vorstellungskraft des Kunden (und dessen Geldbeutel). Normalerweise ordern Kunden bei MSO lediglich spezielle Lackfarben oder andere Innenraumkombinationen, als sie im normalen Umfang für den MP4-12C angeboten werden. Dabei erwartete MacKenzie Anfang des Jahres ein Anteil von rund 10% an den eingehenden McLaren-Bestellungen. Er sollte sich irren, denn bereits jetzt sind rund 15% der ausgelieferten MP4-12C mit mehr oder minder großen Eingriffen von MSO versehen und die Anfragen steigern sich.

Die McLaren Special Operations-Abteilung entwickelte sich aus der vor 20 Jahren gegründeten Kundenabteilung, die sich um Service und Reparatur des Supersportwagens F1 kümmerte. Später wurden hier besondere Wünsche während der Produktion des Mercedes-Benz SLR McLaren verwirklicht. Um beide Modelle kümmert man sich heute übrigens immer noch. Neben der Möglichkeit, seinen ganz individuellen MP4-12C herstellen zu lassen, wird es über den X-1 hinaus auch weiterhin die Chance geben, ganz eigene maßgeschneiderte Sportwagen entwickeln zu lassen. Sprechen Sie dazu doch einfach einmal Ihren McLaren-Händler an.

Quelle: McLaren Special Operations

Autor: Matthias Kierse

22. August 2012|Categories: Magazin|Tags: |

4 Comments

  1. ASCARI 22. August 2012 at 22:26

    Gibt es nähere Informationen zum Besitzer wie z.B. die Herkunft? Amerikaner, Araber, Russe?

  2. netburner 22. August 2012 at 22:35

    Kannst du dir eventuell vorstellen, dass es Sammler gibt, die nicht möchten, dass ihr Name in aller Öffentlichkeit in Zusammenhang mit ihren Autos diskutiert wird?

  3. okuehlein 23. August 2012 at 08:37

    Schön geschrieben Matthias – mir ist angesichts dieses Monstrums schlagartig jeglichste Inspiration flöten gegangen 😉

  4. Atombender 23. August 2012 at 11:41

    Wie war das noch mit Geld und Geschmack? 🙂