Alfa Romeo SZ & RZ – Wenig bekannte Sportwagen – Kapitel 6

Ein Auto, das bereits vor seiner Präsentation den Spitznamen „das Monster“ verliehen bekommt, hat nicht unbedingt die besten Verkaufsargumente auf seiner Seite. Der bekannte Karosseriebauer Zagato hatte mit dem Alfa Romeo SZ auf Basis des 75 ein rassiges Coupé geschaffen, dessen Formensprache für viele bis heute nach einem nicht fertigen Prototypen aussieht. Auch die offene Version RZ konnte die Sportwagenfans nicht 100%ig überzeugen.

Alfa Romeo SZ & RZ

Bild 1 von 6

Seit 1986 zählt Alfa Romeo zu den diversen Marken des Fiat-Konzerns. Wer nun einen Blick auf das Modellprogramm der Mailänder Traditionsmarke aus dieser Zeit wirft, stellt fest, dass wirkliche Knaller im Portfolio fehlten. Auch den Entscheidern von Fiat fiel dieser eklatante Mangel auf. Man entschied, dass es auf Basis des Mittelklasse-Fahrzeugs 75 ein rassiges Sport-Coupé geben solle.

Dazu wurde ein alter Bekannter angesprochen, mit dem Alfa Romeo in der Vergangenheit bereits häufig zusammengearbeitet hatte: Der Karosseriebauer Zagato, dessen Sitz ebenfalls in Mailand liegt. Im Gegensatz zu früheren Zusammenarbeiten wurde die Karosserie jedoch nicht allein von Zagato erarbeitet, sondern gemeinsam mit dem Alfa Romeo Centro Stile und auch einigen Mitarbeitern der Fiat-Designabteilung erdacht. Den Grundentwurf lieferte Robert Opron, der Autoliebhabern eventuell auch als Designer von so berühmten Fahrzeugen wie dem Citroën SM oder auch dem CX bekannt ist. Antonio Castellana und das Zagato-Designbüro übernahmen noch Feinarbeiten und komplettierten den Wagen zum ES 30, der auf dem Auto Salon in Genf 1989 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde.

ES 30 steht für „Experimental Sportscar, 3.0 Litre“ und gibt somit bereits Aufschluß über die Technik, die sich unter dem aufsehenerregenden Design verbirgt. Hier wummert der 3 Liter große V6 aus dem Alfa Romeo 75 mit 154 kW/209 PS, der das Coupé auf maximal 245 km/h beschleunigt. Dank Transaxle-Bauweise (Motor vorn, Getriebe hinten) verfügt der Wagen über ein hervorragendes Gewichtsverhältnis.

Die Karosserie besteht aus einem Glasfaser-verstärktem Kunststoff namens Modar, der auf einen Stahlrohrrahmen aufgebracht wurde. Neben der hohen Steifigkeit erreichte man durch diese Bauweise auch ein sensationell niedriges Gesamtgewicht von nur 1.256 Kilogramm. Da man mit diesem Werkstoff keine großen Erfahrungen hatte, wurde der Wagen einzig und allein im Farbton Rosso Alfa angeboten.

Naja, stimmt nicht ganz. Von den 1.036 bei Zagato in Handarbeit gebauten Fahrzeugen, die in der Serie auf den Namen Alfa Romeo SZ – für Sprint Zagato – hörten, wurde ein besonderes Exemplar in schwarz lackiert: Das Privatfahrzeug für Andrea Zagato.

Der Innenraum des Zweisitzers ist sportlich spartanisch ausgelegt. Zwar findet sich an vielen Stellen edles Leder, dennoch sieht man der reichlich eckigen Gestaltung an, dass sie aus den späten 1980er Jahren stammt. Insgesamt sieben Rundinstrumente informieren den Fahrer jederzeit über alle wichtigen Dinge, die im Motorraum vor sich gehen, während er sich in die Sportsitze kuschelt und über ein sportlich abgestuftes Fünfgang-Getriebe den V6 bei Laune hält. Das Dreispeichen-Sportlenkrad wurde von Momo zugeliefert.

Aufgrund des hohen Kaufpreises von über 100.000,- DM entwickelte sich der SZ bei vielen Alfa Romeo-Händlern zum Stehzeug. Die außergewöhnliche Optik, die bereits während der Entwicklungszeit im internen Sprachgebrauch bei Alfa zum Spitznamen „il Mostro“ (das Monster) geführt hatte, fand nicht soviele Fans, wie man sich das vorher erhofft hatte. Speziell das Heck mit dem fest installierten Heckflügel spaltete die Gemüter.

So kam es, dass man 1992 auf dem Pariser Autosalon eine offene Version, den RZ (Roadster Zagato) nachschob. Dieses Fahrzeug erhielt die selben Leistungsdaten, wie der SZ und übernahm auch an Front und Heck dessen spezielle Formen mit den je drei nebeneinander angeordneten Scheinwerfern und dem Rückleuchtenband. Ansonsten fiel das Design ein wenig gefälliger aus.

Ein seltener Anblick ist der Alfa Romeo RZ besonders mit seinem eng geschnittenen Stoffmützchen. Dieses Fahrzeug ist wirklich ein reinrassiges Schönwetterauto – nicht wegen der italienischen Technik, sondern weil er offen einfach am meisten Spaß macht. Trotz rund 120 Kilogramm Zusatzgewicht zum SZ durch kräftige Verstärkungen der Karosserie können die 209 Rennpferde den RZ mehr als ordentlich über den Asphalt schieben und für ein breites Grinsen im Gesicht des Fahrers sorgen.

Dieses Grinsen wird umso breiter, wenn man auf Passanten trifft, an deren Miene man direkt ablesen kann, dass sie schwer rätseln müssen, um welches Fahrzeug es sich hierbei handelt. Da von den ursprünglich geplanten 350 Exemplaren lediglich 278 abgesetzt werden konnten, ist die Chance, einen Alfa Romeo RZ auf der Straße zu sehen, sowieso äußerst gering.

Dafür ist die Möglichkeit der zu sichtenden Farben ungleich höher als beim SZ. Der Alfa Romeo RZ wurde in schwarz, rot und gelb angeboten, verließ jedoch auf besonderen Kundenwunsch mindestens zweimal auch in silber die heiligen Hallen von Zagato.

Übrig gebliebene Frontscheiben der SZ- und RZ-Produktion wurden von Zagato anschließend für die Kleinstserie des Hyena auf Basis des Lancia Delta Integrale aufgebraucht. Allgemein sind SZ- und RZ-spezifische Ersatzteile heute nicht ganz einfach zu finden und entsprechend teuer, was jedoch nicht zwingend für die Fahrzeuge selbst gilt. Ein gut erhaltener SZ wird für rund 35.000,- € gehandelt, für den RZ sind rund 15.000,- € zusätzlich einzuplanen. Mit diesem Geld erkauft man sich nicht nur ein Fahrzeug mit polarisierendem Design, sondern einen kommenden Klassiker.

Quelle: Alfa Romeo und Zagato

Autor: Matthias Kierse

12. September 2010|Categories: Magazin, Unbekannte Sportwagen|Tags: , |

2 Comments

  1. Forex 14. September 2010 at 09:32

    Danke für den Bericht!
    Anzumerken bleibt sicher noch, dass der Wagen einen sehr langen Anlauf benötigt, um die 245 zu erreichen. Durch das lang übersetzte 3l-Alfa 75-Getriebe und das hohe Gewicht (Werksangabe=Trockengewicht) dreht der Motor relativ zäh. Der Vorteil ist, dass man den wunderbaren Sound des traumhaften V6 so besser geniessen kann, immerhin dreht er nicht innerhalb Sekunden in den Begrenzer. Ich brachte damals einen gelben R.Z. von Zürich in die FIAT Suisse SA nach Genf um die CH-Abnahme zu machen. Morgens hin, Abends zurück. Auch auf langen Strecken ist das Fahrzeug trotz dem kurzen Radstand und etwas härterer Federung relativ komfortabel. Zudem macht es Spass, dieses seltene Wesen zu bewegen. Wie im Bericht erwähnt, drehen sich die Menschen tatsächlich die Hälse lang und schauen dem Ding hinterher, während auf ihrer Stirn die Fragezeichen leuchten. Vorallem in gelb war der R.Z. damals ein Eyecatcher sondergleichen!
    Auf der Autobahn hingegen sieht das Auto kein Land. Das ist vorallem deshalb sehr frustrierend, weil durch die scharf gezeichnete Front das Überholprestige hervorragend ist. Die Vordermänner wechseln die Spur schon lange bevor Du den Sicherheitsabstand minimierst und Du kommst nach dem Abbremsen kaum vorbei. Damit wir uns richtig verstehen: der Zagato ist keine lahme Krücke, nur eben leider nicht dem Aussehen gerecht motorisiert. Für ein einigermassen sportliches Vorwärtskommen bist Du permanent am Schalten und merkst jedesmal aufs Neue, dass das Getriebe um Welten zu lang ist. Es gab mal noch einen RS-blauen S.Z. welcher mit Kompressor ausgerüstet wurde. Mit seinen deutlich über 300PS war das Coupé endlich adäquat motorisiert.

  2. netburner 14. September 2010 at 21:26

    Ich habe vor Jahren einen schwarzen RZ für rund 50 Kilometer bewegen dürfen. Der Wagen war eingestaubt und wirkte daher von weitem eher mattschwarz, was dem Fahrzeug umso mehr das Aussehen eines Prototypen verlieh. Entsprechend schauten die Leute wirklich langanhaltend und bauten im Gegenverkehr einige Male beinahe Unfälle. Ich wette, dass nicht einmal ein Zehntel der "Gaffer" wusste, was für ein Auto das war 🙂