Und wie war’s in Stuttgart? – Nachbericht Retro Classics 2010

Nach der Techno Classica, die im April in Essen stattfindet, ist die Retro Classics in Stuttgart die zweitgrößte Oldtimermesse in Deutschland. In 8 Messehallen der neuen Messe Stuttgart stellten sich Hersteller, Markenclubs und Oldtimerhändler zur Schau. Hervorragend restaurierte Klassiker, gut gepflegte Youngtimer und selten gesehene Exoten wechselten sich ab und ergaben ein hervorragendes Gesamtbild.

Retro Classics 2010

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In allererster Linie ist die Retro Classics natürlich eine Messe für Old- und Youngtimer, daher möchte ich mich als erstes auch mit diesen Fahrzeugen befassen.

Neben absoluten Seltenheiten wie einem Jensen Interceptor Convertible oder einem Facel Vega verwundert es wohl nur wenige Betrachter, dass auf der Stuttgarter Messe auch die stadteigenen Marken Porsche und Mercedes-Benz dominierten. Fahrzeuge wie der weltberühmte Flügeltürer oder die große 600er Limousine standen gleich mehrfach in den Hallen, jedoch kommen so langsam auch kommende Klassiker, wie der C107 SLC oder die W116 S-Klasse-Limousine nach.

Dazwischen finden sich jedoch, wie bereits beschrieben, einige interessante Fahrzeuge. So dürfte heute kaum noch jemand die vor dem zweiten Weltkrieg vergleichsweise bekannte Marke Adler kennen. Auch einen McLaren M8 GT oder verschiedene Vorkriegs-Bugatti sieht man heutzutage zumeist nur auf Messen oder bei Oldtimer-Rennen.

Ihren völlig eigenen Reiz haben immer wieder Fahrzeuge, die unrestauriert aus Scheunen oder lange vergessenen Garagen gezogen werden. Auch auf der Retro Classics gab es einige davon zu sehen. Allgemein ist bei Klassikerfreunden nach-und-nach ein Umdenken zu bemerken, weg von 100%ig restaurierten Stehzeugen hin zu Fahrzeugen mit Patina, die auch mal gefahren werden dürfen, ohne dass anschließend erneut restauriert werden müsste.

Mittendrin fand sich auch eine kleine Mazda-Sonderausstellung anlässlich des 90. Geburtstages. Besonderes Ausstellungsstück war dabei einer von nur sehr wenigen Mazda Cosmo Sport mit Wankelmotor in Deutschland.

Wie auch in Essen geben sich die Markenclubs alle Mühe, um ihren Messestand für die Besucher interessant zu gestalten. Die meiner Meinung nach beste Idee hatte in diesem Jahr der MG-Club mit einer überdimensionalen Modellautoschachtel inklusive passendem Inhalt und dem seitlichen Aufdruck „Nicht für Kinder zwischen 0 und 17 Jahren geeignet“.

Sonderkarosserien wie ein Moretti-Fiat waren deutlich in der Minderheit, aber auch Matra 530 LX oder rote Porsche 911 Turbo mit braunen Ledersitzen sind eher selten zu sehen. Den Skurrilitätspreis dürfte aber der originale Lorinser SL der Baureihe R107 ernten, der mit seiner goldenen Lackierung mit Sicherheit nicht nach jedermanns Geschmack ist.

Fahrzeuge aus Zuffenhausen waren, wie bereits geschrieben, an allen Ecken zu sehen, den 908 Spyder jedoch gleich in zwei Ausbaustufen anzutreffen, das gibt es wohl nur in Stuttgart. Für einen original in lila ausgelieferten 911 Carrera 2.7 gilt das Gleiche. Die Rallye-Legende Lancia Stratos sorgte ebenfalls für Aufsehen.

Werfen wir einen Blick auf neuere Exoten, die den Status „Youngtimer“ oder gar „Oldtimer“ erst noch erreichen müssen.

In dieser Abteilung waren viele interessante Autos vertreten. Angefangen bei in Deutschland nahezu unbekannten Briten, wie dem MG XPower SV oder dem Invicta S1 über nur in homöopatischen Dosen gebaute Supersportwagen wie den Mercedes-Benz SLR McLaren Stirling Moss oder den Maserati MC12 – von denen übrigens jeweils gleich zwei Fahrzeuge auf der Messe zu finden waren – bis hin zu Legenden wie dem Porsche 959 oder dem RUF CTR „Yellow Bird“ war alles vertreten, was in der automobilen Welt Rang und Namen hat.

Auch auf Farblicher Ebene gibt es „Außenseiter“. Mir persönlich gefallen solch extrovertierte Fahrzeuge in den allermeisten Fällen ja sehr gut, aber beim schwarzen De Tomaso Guara Barchetta mit grünem Interieur, dem minz-farbenen Porsche 968 Cabrio oder dem grün lackierten Treser TR1 musste ich auch erst mehrfach schlucken.

Durchaus ins Unterthema „Exoten“ passt meiner Meinung nach eine Brabus S-Klasse. Grund? Nun, der Erstbesitzer war definitiv ein Exot. Nicht wegen der Farbwahl, aber wer ein Fahrzeug mit einem Grundpreis von 228.378,50 DM mittels Tuning auf einen Gesamtpreis von 464.585,17 DM anhebt, darf durchaus als exotisch angesehen werden, oder nicht?

Ebenso ungewöhnlich war die Elektrofahrzeug-Sonderausstellung im Foyer, wo neben einem US-amerikanischen Auto von 1916 die neueste Kreation der Firma RUF, ein eRUF Stormster auf Porsche Cayenne-Basis zu sehen war.

Natürlich gab es auch richtige Besonderheiten auf der Retro Classics zu sehen. Darunter den „Großen Werkmeister“, ein Rennsportfahrzeug mit EMW-Motor, das 1950 von Georg Werkmeister in Dingelstädt in der DDR gebaut wurde und das in den frühen 50er Jahren einige Rennerfolge einfuhr. Auch ein Maybach SW38, der nach dem zweiten Weltkrieg bei Spohn eine neue Karosserie im Stil der Zeit erhielt oder ein Abarth 1000 SP Barchetta waren Gäste der Messe.

Begeisternd fand ich jedoch die im Foyer ausgestellten Lancia Astura 233C Aerodinamica by Castagna, einigen Veritas Renn- und Straßenfahrzeugen und dem allerersten Fahrzeug, auf dem der „Porsche“-Schriftzug historisch korrekt zu sehen ist: Dem letzten noch erhaltenen Porsche Typ 64 oder auch VW Typ 60 K10 „Berlin-Rom-Wagen“ genannt. Auch die Sonderausstellung des Mercedes-Benz Design-Centers mit dem 300 SLR „Uhlenhaut Coupé“, einem C111-3 und dem neuen SLS AMG war sehenswert.

Besonderes Lob verdient abschließend noch die Sonderausstellung zum 100sten Geburtstag von Alfa Romeo. Den Messe-Veranstaltern ist es gelungen soviele seltene Alfa-Einzelstücke aus privaten Garagen zu holen, dass das Werksmuseum der Mailänder lediglich mit dem 33 Stradale „aushelfen“ musste.

Unter den zahlreichen Exponaten fanden sich unter anderem ein 6C 2500 Stabilimenti Farina Einzelstück, ein Giulietta Spider Bertone Prototyp, ein 6C 2500 SS Corsa Spider Colli, ein GTAm, die beiden seltenen Coupés TZ1 und TZ2, ein 33/2 Daytona Coupé Langheck aus der Sportwagen-Weltmeisterschaft 1967, ein 6C 2500 SS Berlinetta mit Doppelscheinwerfer-Karosserie von Pininfarina, ein 1750 Alfetta Berlinetta Prototyp von Giugiaro oder einer von nur zwei gebauten Z6 von Zagato, bei dem ein vorbeigehender Messebesucher passend anmerkte, der sehe aus, wie ein verunfallter Porsche 928.

Ich hoffe, euch hat der kleine Messerückblick gefallen.

Autor und Fotograf: Matthias Kierse

18. März 2010|Categories: Magazin|Tags: |

One Comment

  1. Markus Berzborn 21. März 2010 at 00:02

    Mal wieder große Klasse, Dein Bericht. :-))!

    Fast, als wäre man selbst dabei gewesen.