Kilometerstand, Lackqualität, Reifenprofil, Zahnriemen,...?
Die oben genannten Dinge sind für mich persönlich erstmal eher unwichtig, da diese jederzeit beliebig verändert werden können. Bei den Kilometern kann man drehen; Lack kann ausgebessert werden; Reifen kann man neue kaufen; Zahnriemen würde ich eh immer wechseln (lassen). Wer hier schon anfängt den Cent zweimal umdrehen zu müssen, der sollte wohl besser erst gar nicht losgehen. Ich will damit sagen, dass man den Zustand eines Fahrzeuges beliebig verändern kann.
Manchmal kann ein günstiger "Bastler" vorteilhafter sein als ein überteuerter "Bestzustand"! Beim "Bastler" weiss ich später was ich habe, beim "Bestzustand" hoffe ich es nur. Eine "Patina" ist oftmals ehrlich, ein "Bestzustand" oftmals leider nur ein "Blender" mit Verkaufslackierung, eingefärbtem Leder und ausgiebiger Motorwäsche! Wobei man dann bei Vorlage eines abgestempelten Serviceheftes als potenzieller Käufer oftmals auch gleich noch sofort komplett "erblindet" durch den strahlenden Glanz des teuren "Blenders".
Viel wichtiger - und entsprechend intensiver angeschaut - ist der Eigentümer bzw. Besitzer des Wagens. Was ist das für ein Typ? Junger Proll der auf dicke Hose machen wollte und vermutlich die Erledigung aller anfallenden Arbeiten (wenn überhaupt) bis ans Limit hinausgezogen hatte (Reparaturstau), oder ein Herr gesetzteren Alters, der sich sein "Spielzeug" im wahrsten Sinne des Wortes "gegönnt" hat und es gehegt und gepflegt...aber auch "gefahren"...hatte? - Dann sind Steinschläge oder andere optische Mängel kein Problem, da der Rest des Wagens noch immer grundehrlich ist.
Ob billig oder teuer, für mich zählt nur "preiswert". Ein Schnäppchen hat nämlich nix mit "billig" oder Kilometerstand und Lack zu tun, sondern nur mit dem Verhältnis Preis zum Zustand.
Ob alle Rechnungen nun vom Freundlichen oder vom Freien sind, ist erstmal wurscht. Interessanter ist doch, dass der Besitzer sie tatsächlich alle penibel gesammelt und archiviert hat. Denn genau sowas spricht für einen "Liebhaber" und entsprechend auch für (s)einen Wagen. - Ein lückenlos abgestempeltes Heftchen allerdings ohne irgendwelche Rechnungsbelege, ist für mich persönlich nicht nachvollziehbar. Wenn jemand tatsächlich sein gutes Geld regelmäßig in die Werkstatt vom Freundlichen geschleppt hat, dann hat er auch die Rechnungen (möglichst noch in einem hübschen Ordner nebst Bestellschein, Kaufrechnung und Auslieferungsbestätigung) gesammelt. Fehlen die Werkstattrechnungen aber, dann ist - zumindest für mein Empfinden - irgendetwas faul. Da stinkt was zum Himmel. Vermutlich hat er nur die Stempel gekauft und den Rest "schwarz" bei einer Hinterhofschmiede billigst basteln lassen.
Sollte er selbst an dem Wagen geschraubt haben, dann gilt es den Grund dafür herauszufinden und den hoffentlich vorhanden guten Background abzuchecken. Hat er nur geschraubt um Kohle zu sparen und ist dazu noch ein nur für´n Ölwechsel zertifizierter sonst aber technischer Laie, dann kann sowas sehr übel enden. Hat er allerdings mit "Leidenschaft" geschraubt und verfügt dazu noch über einen erstaunlich guten "Schrauberhintergrund", dann kann auch sowas durchaus für einen gepflegten Wagen sprechen. Mir ist ein 60-jähriger Maschinenbauingenieur vom alten Schlag mit perfekter Hobbywerkstatt und Jahrzehnte langer Exotenvergangenheit deutlich lieber als ein mit 2 linken Händen ausgestatteter Auszubildender im ersten Lehrjahr bei einem
Ferrari-Vertragshändler. Stempel hin oder her!
Zum Besichtigungstermin sollte der Wagen unbedingt "kalt" sein. Von wegen "
habe ihn schonmal warmlaufen lassen" kommt bei mir nicht in die Tüte. In meinem Beisein wird der Wagen angelassen....und dann wird beobachtet. Allerdings nicht der Wagen, sondern der Besitzer! Spielt er noch im kalten Zustand zuviel mit dem Gas um mir irgendetwas demonstrieren zu wollen, dann hat er den Motor auch ohne meine Abwesenheit früher bestimmt nicht sonderlich geschont.
Laß ihn reden, reden, reden,....Einfach nur zuhören und zwischen den Zeilen lesen. Die meisten Verkäufer entlarven sich selbst. Sie reden sich und den Wagen um Kopf und Kragen. - Will er verkaufen oder muß er verkaufen? Lächelt er nur darüber oder weint er innerlich sogar?
Erwähnt er immerwieder im Verkaufsgespräch wie toll dieser Wagen durch die Kurven schießt und wie schnell er beschleunigt? Dann war es sein persönlicher "Rennwagen" und er der verhinderte "Rennfahrer". Die Karre wurde stets getreten und nix wurde geschont. Materialmordendes Fahren nennt man das. Nach ihm die Sintflut....beziehungsweise der neue Besitzer.
Wie lange hatte er den Wagen? Kurze Haltedauer deutet oftmals auf diverse technische Probleme hin. Nach dem Motto "habe die Schnauze jetzt voll".
Erst 30.000 km gelaufen aber schon in vierter Hand? Sicherlich ein "Montagsauto" was gleich immer wieder von einem Dummen zum nächsten Dummen weitergereicht wurde. - Das typische "Schnäppchen" auf´m Markt!
Oder vielleicht 120.000 km in zweiter Hand? Die Kiste war also voll zuverlässig und hat treu ihren Dienst geleistet. Jeder der beiden Vorbesitzer hat sich nur schweren Herzens davon trennen können. - Ein guter und sehr empfehlenswerter Wagen! Und genau bei solchen Fahrzeugen gibt es für gewöhnlich noch die komplette und nachvollziehbare Vita und Historie sowie wirklich alle Rechnungen und Belege lückenlos und penibelst im Ordner abgeheftet mit dazu. "Matchingnumbers", "Windowsticker" und dieses ganze Zeug gibt es oftmals wirklich nur bei diesen Fahrzeugen. Und nicht selten steht nach dem Verkauf der ehemalige Besitzer auch weiterhin mit Rat und Tat hilfreich zur Seite und beantwortet gerne alle offene Fragen bezüglich seines ehemaligen Schätzchens.
Und preislich ist da oftmals sogar noch deulich mehr drin als im ursprünglichen Inserat zu vermuten wäre. Denn diese Menschen sind bereit auf a bisserl Euro zu verzichten, wenn denn ihr Schätzchen nur in die besten Hände kommen würde....
Also nicht immer gleich einen Kauf-von-Privat von Grund aus ausschließen und immer gleich zum gewerblichen Anbieter rennen. Der hat den Wagen ja auch nur aus Privathand und verkauft ihn oftmals auch nur "im Kundenauftrag".....allerdings 10.ooo Euro teurer!
Wenn wirklich vom Händler, dann unabdingbar nur mit umfassender Garantie (also nicht nur die eh gesetzlich vorgeschriebene Gewährleistung). Nur dann ist ein Aufpreis überhaupt gerechtfertigt gegenüber einem Privatverkäufer. Alles andere ist nur die gute Kohle zum Fenster rausschmeißen.
Gruß
Berko