Louwman Museum in Den Haag – Privatsammlung der Superlative

Das CPzine wirft bekanntlich gern einmal einen Blick über die Grenzen, wenn es um Automobile der Superklasse geht. Vor einiger Zeit machten wir uns daher in die Niederlande auf, um in Den Haag ein neues Automuseum in Augenschein zu nehmen, das Louwman Museum. Wir hatten viel erwartet und wurden mit noch mehr überrascht. Die Reise nach Den Haag lohnt für Autofans in jedem Fall.

Louwman Museum

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Bereits von außen sieht das Museum nicht klein aus. Durch die geschickte Raumaufteilung bietet es Platz für über 250 Fahrzeuge.

Wenn man früh zu sammeln beginnt, hat man Jahre später zumeist Dinge, an die Andere nicht mehr herankommen und von denen jüngere Sammler höchstens träumen können. Was wäre also in einer Automobilsammlung zu sehen, wenn jemand bereits 1934 begonnen hätte, mobiles Kulturgut zusammenzutragen? Eine Antwort auf diese Frage gibt es im Louwman Museum im niederländischen Den Haag. Sammlungsgründer Piet Louwman war Anteilseigner des Dodge-Importeurs für die Benelux-Länder und stellte sich 1934 einen 20 Jahre alten Dodge ins Schaufenster, den er in Zahlung genommen hatte. Zum damaligen Zeitpunkt bereits ein durchaus altes Fahrzeug, das jedoch viele Interessenten in den Showroom lockte.

Dies nahm Louwman zum Anlass, weitere alte Autos zu sammeln, die damals häufig schlicht als Alteisen gehandelt wurden. Über die Jahre konnte er somit die vermutlich vollständigste Sammlung an Fahrzeugen von der Gründungszeit des Automobils vor 125 Jahren bis in die heutige Zeit zusammentragen, die irgendwann einmal auf europäischen Straßen unterwegs waren. Die Sammlung war jahrelang zwar bekannt, jedoch nur eingeschränkt zu besichtigen, da es zum einen an einer geeigneten Ausstellungsstätte fehlte und es zum anderen eine rein private Sammlung war und ist, die sich Herr Louwman neben seiner Tätigkeit in der Automobilindustrie leistete. Sein Sohn Evert Louwman führte die Sammelleidenschaft nach dem Tod des Vaters weiter fort und komplettierte Lücken durch gezielte Zukäufe.

Im Jahr 2006 machte die Louwman Collection auf sich aufmerksam, als man die Rosso Bianco Collection aus Aschaffenburg aufkaufte. Hierdurch fand sich Evert Louwman in der interessanten Situation, einige Fahrzeuge, von denen andere Sammler nichtmal zu träumen wagen, plötzlich gleich mehrfach zu besitzen. So standen nun plötzlich gleich drei Ferrari 750 Monza im Depot. Dies führte dazu, dass man sich von einigen Exponaten trennte. Das Wort „Trennung“ trifft auch auf zwei weitere Fahrzeuge zu: Louwman hatte beide Hälften des 1957er Siegerwagens des 24 Stunden Rennens in Le Mans aufgekauft. Das Rennfahrzeug war von Jaguar nach dem Rennen in der Mitte auseinandergeschnitten worden und die Hälften jeweils wieder zu einem vollständigen Auto aufgebaut worden. Louwman ließ die beiden Wagen nun wieder trennen und stellte somit das damalige Siegerfahrzeug wieder zusammen. Der zweite Jaguar D-Type wurde anschließend veräußert.

Neben der bereits erwähnten Ansammlung von Fahrzeugen aus der Frühzeit des Automobils, deren Ausstellungsraum bei Kutschen aus dem 16. Jahrhundert beginnt und bis auf zwei Fahrzeuge nur Originale enthält, finden sich im Louwman Museum auch tiefe Einblicke in den Motorsport. Wie heute jedes Kind weiß, sind die Rennsportfarben einiger Länder bereits tiefe Tradition. Deutschland hatte mal weiß und trägt nun silber, Italien hat rot und England das berühmte „British Racing Green“. Doch warum kamen die Briten ausgerechnet auf grün als Nationalfarbe? Der Grund lag im Gordon-Bennet-Rennen, dem damals größten Motorsportereignis des Jahres. Nachdem 1902 ein Brite gewonnen hatte, fiel das Recht der Austragung für 1903 an die Engländer. Da im Vereinigten Königreich jedoch per Gesetz ein Mann mit roter Flagge vor jedem Auto herrennen musste und dieses somit nicht schneller als Schrittgeschwindigkeit fahren konnte, fiel ein Rennen unter diesen Bedingungen natürlich aus. Da sprangen die Iren ein und boten ihre Straßen auf der irischen Insel an. Aus Dankbarkeit wurde die irische Nationalfarbe grün zur britischen Motorsportfarbe erkoren und auf dem im Louwman Museum ausgestellten Napier 100hp erstmals auflackiert.

Interessant ist auch der Blick in die Abteilung „Alternative Antriebe“. Wer der Meinung ist, dass Elektroautos und Hybridantriebe ein Kind der Neuzeit sind, wird hier recht schnell anhand der ausgestellten Wagen eines besseren belehrt. Exponate von 1905 zeigen, dass man bereits kurz nach der Geburt des Automobils an diese Techniken gedacht hatte. Umso erstaunlicher, dass sich in den letzten 106 Jahren so wenig in punkto Akkus getan hat, dass man nicht viel weiter als damals ist.

Weitere Ausstellungsteile sind Kleinwagen, Luxusfahrzeugen, italienischen Sportwagen und der Marke Bugatti gewidmet. So gut wie alle Ausstellungsstücke sind einsatzbereit und präsentieren sich in hervorragendem Zustand. Zwei Ausnahmen dieser Regel möchten wir jedoch noch kurz beleuchten: Zum einen hat es das Museum erst kürzlich geschafft, den wohl letzten noch existenten Toyota AA in Russland zu entdecken. Der Toyota AA ist das erste Massenfahrzeuge der heute gut bekannten japanischen Marke und wurde zwischen 1936 und 1943 gefertigt. Selbst Toyota besitzt kein Original dieses Fahrzeugs in der Werkssammlung. Da der Wagen in Russland offenbar zur Feldarbeit eingesetzt wurde und dafür einen russischen LKW-Motor und andere Räder verpasst bekam, könnten Originalitätsfanatiker nun von einem Faux Pas für das Museum sprechen. Auf der anderen Seite ist dieses Fahrzeug mit den Spuren harter Arbeit am Blech ein rollendes Geschichtsbuch, das genauso erhalten werden soll.

Das zweite Fahrzeug mit deutlicher Patina ist ungleich wertvoller als der Toyota. Es handelt sich um einen der raren Mercedes-Benz SSK. Diese Kompressor-Sportwagen der 20er Jahre werden heute, sofern es sich um zweifelsfrei echte Exemplare handelt, beinahe mit Gold aufgewogen. Warum also versetzt das Louwman Museum das eigene Fahrzeug nicht durch eine Restaurierung in ladenneuen Zustand? Weil damit die unvergleichliche Geschichte dieses Wagens unwiederbringlich verloren wäre. Dieser SSK wurde 1929 an einen Major der britischen Armee ausgeliefert und wechselte 1941 das erste und für lange Zeit einzige Mal den Besitzer. George Milligen hieß dieser Zweitbesitzer, der den SSK von 1941 bis zu seinem Tod 2004 regelmäßig ausführte und das Auto wie seinen Augapfel hütete. Allerdings verfiel er dabei nicht in den Wahn, jeden kleinen Kratzer sofort nachlackieren zu lassen. Am Lenkrad kann man bis heute erkennen, wo Herr Milligen seine Hand liegen hatte, um den 140 PS-Sportwagen zu lenken. Ein einmaliges Fahrzeug in einmaligem Zustand.

Als niederländischer Sammler gehörte es sich für die Louwmans natürlich auch, niederländische Fahrzeuge in die Kollektion aufzunehmen. So steht nicht nur das vermutlich letzte existierende Fahrzeug der Firma Eysink im Museum, sondern auch die größte Sammlung von Vorkriegs-Spyker. Von heute noch bekannten 13 Autos gehören 11 dem Louwman Museum. Die anderen beiden Exemplare sind jedoch Modelle, die bereits in der Ausstellung vertreten sind.

Auch für Kunstfreunde lohnt die Reise nach Den Haag. In zwei großen Räumen des Museums befindet sich die vermutlich größte private Kunstsammlung mit automobilem Schwerpunkt. Ob Rennplakate, Ölgemälde, Bleistiftzeichnungen, Statuen, Pokale oder Picknickgeschirr – überall finden sich Autos in jeder denkbaren Form. Dazu gibt es einen Bereich, in dem nur Metallplastiken ausgestellt sind, überwiegend aus Silber gefertigt. Allein der Gang in diesen Räumen kann Stunden dauern, da man fortwährend neue Details entdeckt und mit dem Auge dort verweilt.

Wenn man schließlich doch am Ende des Rundgangs angekommen ist, findet man sich auf einem nachgebauten niederländischen Dorfplatz der 30er Jahre wieder. Wer durch die Schaufenster der Geschäfte schaut, erblickt Ladenausstattungen, die tatsächlich so alt sind, wie sie aussehen. Die Läden selbst bestehen aus echten Backsteinen, um den Effekt zu verstärken und den Grundsatz des Museums, nach Möglichkeit nur authentische Sachen zu zeigen, zu unterstreichen. Hier findet sich auch die Front des anfangs erwähnten Dodge-Showrooms, in dem damals alles begann. Vor dieser Kulisse kann man bei einer Tasse Kaffee oder einem kühlen Wasser die Eindrücke noch einmal Revue passieren lassen, bevor man sich auf den Heimweg macht.

Über die reine Ausstellung hinaus bietet das Louwman Museum die Möglichkeit, verschiedene Tagungsräume zu buchen. Hier können von Besprechungen über Feiern bis hin zu Stammtischen alle möglichen Gelegenheiten abgedeckt werden. Zusätzlich gibt es ein hauseigenes Theater mit über 200 Sitzplätzen. In der Bühne ist ein spezieller Aufzug integriert, über den Fahrzeuge ins Theater hineingeholt werden können. Auf diese Weise sind beispielsweise Fahrzeugpräsentationen denkbar, bei denen das neue Auto erst zu einem bestimmten Zeitpunkt zu sehen sein soll.

Das CPzine möchte sich an dieser Stelle noch einmal beim Louwman Museum und speziell bei Geschäftsführer Ronald Kooyman bedanken und wünscht allen Besuchern der Ausstellung viel Spaß. Nähere Informationen zu den Öffnungszeiten und den Eintrittspreisen finden Sie unter www.LouwmanMuseum.nl (auf niederländisch). Tun Sie sich den Gefallen und bringen Sie Zeit mit, Sie werden diese brauchen.

Quelle: Louwman Museum (2 Bilder)

Autor und Fotograf: Matthias Kierse

9. April 2011|Categories: Magazin|

6 Comments

  1. S.Schnuse 10. April 2011 at 19:47

    Da schließt sich der Kreis wieder zu Rosso Bianco. Vielen Dank für den Bericht! :-))!

  2. croissant 10. April 2011 at 20:38

    zu schade, dass Mijnheer Louwman vor Jahren die einmalige Rosso Bianco Kollektion zerschlug.
    Auch diese Sammlung war einmalig.

  3. netburner 10. April 2011 at 20:43

    Die Rosso Bianco Sammlung wäre so oder so zerschlagen worden, da die Stadt Aschaffenburg sich ja in keinster Weise um neue Räumlichkeiten bemüht hat und der Besitzer der Sammlung ja offenbar auch außerhalb nirgends neue Ausstellungshallen finden konnte. Somit kann man froh sein, dass immer noch einige Fahrzeuge aus der Bianco-Sammlung zusammengeblieben sind und nebenbei auch noch restauriert wurden.

  4. Markus Berzborn 10. April 2011 at 22:51

    Alleine wegen des 500 Superfast muss ich wohl mal dahin fahren. :-))!

  5. Graunase 11. April 2011 at 12:56

    Genau Markus, aber dann den Hugo nicht vergessen 😀

  6. locodiablo 11. April 2011 at 20:01

    Super bericht, danke:-))!