Fahrt im Wiesmann MF4 GT

Was ist ein perfekter Tag? Vermutlich mag ein jeder diese Frage ein wenig anders beantworten. Sicherlich gehört die Geburt des eigenen Kindes zu den perfekten Tagen. Oder wenn man etwas erreicht, was man sich schon lange vorgenommen oder gewünscht hat oder wenn man einen deutschen V8-Sportwagen wie den Wiesmann MF4 GT auf einem Sportflugplatz flott und ausdauernd bewegen darf.

Wiesmann MF4 GT

Wiesmann MF4 GT
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Einen Wiesmann MF4 GT sieht man selten im Alltag. Vermutlich jedoch noch seltener auf der Landebahn und vor den Hangars eines Flughafens.

Nachdem die CPzine-Redakteure bei Wiesmann nunmehr gut bekannt sind und bereits einige Fahrzeuge der Modellpalette getestet und für grandios befunden haben, war es wieder einmal Zeit für einen Wiesmann-Test. Kaum kommt man dazu auf dem Wiesmann-Werksgelände an, ist es wieder da: Dieses typische „Haben-Wollen-Gefühl“, das Herzrasen, das Adrenalin, welches einen jedes Mal ausfüllt, wenn man eines dieser Kunstwerke für die kommenden Stunden sein Eigen nennen darf.

Schnell wurden die obligatorischen Papiere ausgefüllt und endlich bekam man den Schlüssel mit dem Gecko Logo ausgehändigt. Ein schneller Spurt nach draußen zum Wagen. Er war leicht zu finden, da es der einzige MF4 GT auf dem Hof war. Einsteigen, Zündschlüssel drehen und den verheißungsvollen silbernen Knopf mit der Überschrift „Wiesmann Start“ drücken. Direkt nach diesem Druck legt sich ein wohliges V8-Brabbeln um die Passagiere. Schnell die Instrumente gecheckt, die wie gewohnt traumhafte Lederlandschaft genossen und schon kann es losgehen. Den ersten Gang einlegen und raus – zunächst gemächlich durch die Stadt Dülmen und dann, nach dem gelben Ortsschild mit dem roten Balken ein erstes richtiges Beschleunigen. Leider, leider ist das legale Tempolimit bereits nach 4,6 Sekunden erreicht und so heißt es Fuß vom Gas und gemächlich dahingleiten. Selbstverständlich juckt der Gasfuß – in Anbetracht eines potentiellen Führerscheinverlustes muss man sich jedoch selbst geißeln und den rechten Fuß ruhig halten.

Dennoch genießt man die Zeit im Wiesmann MF4 GT. Die Hand gleitet über die Mittelkonsole, über das Armaturenbrett – egal wohin man greift oder schaut, edles Leder umschmeichelt die Sinne. Die Tasten sind aus edlem Metall und es gibt nichts im Cockpit, was auch nur annähernd den plastikartigen Charme der Großserie versprüht. Währenddessen brabbelt der V8 beinahe mit Standgas vor sich hin. Nichts ist laut und hektisch. Es ist beinahe wie ein Kokon, der einem eine Flucht aus dem Alltag ermöglicht. Könnte der Motor reden, würde er just in diesem Moment wohl sagen: „Mein Freund, ich kann auch ganz anders und ich werde es Dir gleich zeigen.“

Kaum am Flugplatz Borkenberge in der Nähe von Dülmen angekommen kann es auch schon losgehen. Für die nächsten gut 20 Minuten gehört der Flughafen nur dem MF4 GT und mir. Also, lassen wir es fliegen, nicht umsonst heißt es ja auch Flugplatz. Ein letzter Check der Instrumente – alles im grünen Bereich! Wir stellen uns an den Anfang der Rollbahn. ESP aus, der Kenner weiß, dass man hierfür den Knopf einige Sekunden gedrückt halten muss, damit man sich bewusst ist, worauf man sich nun einlässt. Ersten Gang eingelegt, Drehzahl erhöht und dann – FEUER FREI. Die brachiale Beschleunigung drückt einen in die Sitze, der Drehzahlmesser steigt, kurz sieht man ein rotes Licht flackern und schon geht im nächsten Gang der scheinbar endlose Schub weiter. Innerhalb kürzester Zeit ist man bei mehr als 250 km/h angekommen und das Ende der Rollbahn kündigt sich an. Wenn 300 kW/407 PS aus einem V8-Biturbo-Triebwerk auf 1.455 kg Lebendgewicht treffen hat es durchaus eine gewisse Wirkung. Die Trägheit der Masse (welcher Masse eigentlich?) scheint hier schlicht und ergreifend außer Kraft gesetzt zu sein.

Wie heißt es aber immer so schön: Die Bremsleistung ist um ein vielfaches höher als die Motorleistung und noch brachialer, als man eben noch beschleunigt wurde, wird man nun im Gurt festgehalten. Zum Glück hält der Gurt wirklich fest und vermeidet so unschöne Abdrücke des eigenen Gebisses am Lenkradkranz. Schon geht es links hinein in die Kurve und in einem herrlichen Drift auf den parallelen Runway und über die nächste Abbiegung in einem weiteren Drift wieder zurück auf die breite Landebahn. Der Wagen nimmt willig Gas an und man kann die Drifts herrlich mit der äußerst direkt ansprechenden Lenkung und dem Gaspedal steuern. Endlich bietet sich einmal der Platz, um das Limit des Wiesmann auszuloten, welches man auf öffentlichen Straßen so und so wohl nie erreichen und austesten kann. Der Wagen krallt sich in den Asphalt, lässt sich präzise dirigieren und mit jeder Lenk- und Gaspedalbewegung wird man mehr und mehr Eins mit dem Auto.

Wie war es noch gleich mit dem gut geschnittenen Maßanzug? Auf den Wiesmann MF4 GT trifft dieses Attribut absolut zu und nach einigen Runden hat man das Gefühl, die Lenkung, das Gaspedal und die Bremse sind einfach nur die natürliche Verlängerung der eigenen Arme und Beine. Trotz vieler harter Verzögerungen von knapp 250 auf gut 100 km/h zeigt die Bremse keinerlei Anzeichen von Überlastung und Fading. Vermutlich könnte man diese Übung noch den ganzen Tag wiederholen, ohne selbige in die Knie zu zwingen. Und auch der Motor lacht wohl nur müde über diese, womöglich auch für ihn nicht alltägliche Belastung. Aus der Karosserie hört man kein knarzen, knirzen oder sonstige Geräusche, die einem irgendwie das Gefühl geben, das Auto würde „leiden“.

Leider vergeht die gegebene Zeit wie im Fluge und so heißt es die Landebahn und den Runway wieder für den Flugverkehr freizugeben. Wir lassen den Wiesmann MF4 GT zunächst noch ein paar Minuten für einige Bilder verschnaufen, bevor es wieder auf den Rückweg nach Dülmen geht. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht gibt man den Schlüssel wieder zurück. Alles ist noch am rechten Fleck, das Auto noch genauso lang und breit wie vorher, die Reifen vermutlich mit etwas weniger Profil, das Herzklopfen und das „Haben-Wollen-Gefühl“ sind nach dieser Testfahrt jedoch noch größer geworden.

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Kategorie: Magazin

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