Fahrbericht – Alfa Romeo 4C

Ultraleicht, sportlich straff und bislang äußerst selten anzutreffen – alles Attribute, die auf den neuen Alfa Romeo 4C zutreffen. Was also tut ein CPzine-Redakteur, wenn solch ein Fahrzeug vor der Tür steht? Recht einfach zu beantworten. Ein exklusiver Fahrbericht erschien logisch. Also wurde der 240 PS starke Sportwagen um den einen oder anderen Block, über Stock und Stein sowie über Landstraße, Autobahnen und durch die Stadt gescheucht.

Alfa Romeo 4C Fahrbericht

Alfa Romeo 4C Fahrbericht
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Der neue Alfa Romeo 4C gehört bislang noch zu den absoluten Seltenheiten im Straßenbild.

Die zornige, leidenschaftliche Pasta, im Volksmund auch „Penne all’arrabbiata“ genannt, wird in der Region Lazio manchmal gerne mit Handtuch und Brot serviert. Sie ist nicht nur scharf, sie flammt geradezu auf der Zunge. Zusammen mit den fruchtigen Tomaten beschleunigt sie den Puls und vermittelt ein geradliniges, puristisches Geschmackserlebnis, wie es außerhalb Italiens  nicht erlebbar ist. Für viele Gourmets ist dieses Gericht aber auch zu herb. Was das mit dem neuen Alfa Romeo 4C zu tun hat?

Weil auch dieses Auto nur aus Italien kommen kann. In einem hell brennenden Rosso Competizione steht der flache Renner stolz auf der Straße, wie die Skulptur eines Sportwagens. Hier gibt es keine einfachen, glatten Flächen sondern fast ausschließlich Rundungen, Wölbungen und Kurven. Die Form beansprucht eindrucksvoll Exotenstatus, vor allem wenn man sich die mächtige Breite verdeutlicht. Mit 1.868 Millimetern ist der kleine Italiener deutlich ausladender, als ein Porsche Cayman oder Lotus Evora.

Curbs und Straßenränder lassen sich sauber anpeilen

Entsprechend großzügig gestaltet sich auch das Platzangebot im Innenraum. Fahrer und Passagier genießen Abstand. Ein- und Ausstieg über den flachen Schweller stellen die Anatomie Großgewachsener nicht auf die Probe. In dieser Disziplin unterscheidet sich der 4C ganz erheblich von seinen direkten Konkurrenten Lotus Elise und Exige. Ähnliches lässt sich auch von der Verarbeitung sagen. In Sachen Zuschnitt, Passform und Ausführung erteilt Modena Hethel in jeder Disziplin eine Lehrstunde. Wer daran Zweifel hegt, sollte beim Italiener einfach mal die Fahrertür öffnen und schließen.

Aber darauf kommt es dem Sportfahrer nicht primär an. Zum Schnellfahren sollte die Sitzposition stimmen, nicht das Spaltmaß. Prompt neigt unser Exzentriker ergonomisch zu Schlampereien. Die Mittelkonsole ist zu breit und das Lenkrad subjektiv viel zu dick. Das digitale Armaturenfeld verschwindet bei mancher Einstellung aus dem Blickfeld.  Die Sitze könnten mehr Seitenhalt vertragen. Immerhin aber kauert der Fahrer angenehm nah an der Frontscheibe. Curbs und normale Fahrbahnbegrenzungen lassen sich also zielsicher ins Visier nehmen. Die Nähe zur Straße gefällt und lässt über die anderen Besonderheiten leicht hinweg sehen.

Akustisch und dynamisch ein Hochgenuss

Nun geht es endlich los. Viel wurde ja schon geschrieben über die infernalische Lautstärke der Auspuffanlage ohne Schalldämpfer. Doch beim Anlassen verkneift sich der Vierzylinder zunächst das obligatorische Aufheulen anderer Brülltüten. Einmal in Fahrt lässt es die Stimmgewalt nicht an Schall und Ton mangeln. Der 4C schreit laut in die Welt hinaus: „Schaut her, Alfa Romeo baut endlich wieder einen Sportwagen!“  Und was für einen. Wer bei diesem rassigen und unter Last herrlich röhrigen Sound die Nase rümpft und von plumpem Lärm spricht, der sollte sich besser nach einem Gefährt mit Elektroantrieb umsehen. Denn auch ein Ferrari-V8 produziert im unteren Drehzahlbereich kein unähnliches Frequenzgewitter.

Zugegeben: Nahe der Nenndrehzahl lässt das musikalische Talent etwas nach. Wobei sich der zischende Turbomotor ohnehin vor allem von 2.000 bis 4.500 Umdrehungen pro Minute richtig wohlfühlt. Mit nur minimaler Laderverzögerung drückt es mit der ganzen Macht von 350 Newtonmetern nach vorne. Das sehr kurz übersetzte und zackig schaltende Doppelkupplungsgetriebe leistet seinen Beitrag zum fulminanten Vortrieb. Der 4C ist stets zum Sprung bereit, vermittelt seinem Piloten fortlaufend das Gefühl von absoluter Überlegenheit. Laut unseren Messungen spurtet das tatsächlich laut Waage nur 1.036 Kilogramm leichte Projektil in 17,5 Sekunden von 0 auf 200 km/h und setzt dabei mit seinem Testverbrauch von nur 10,8 Litern pro 100 Kilometern ein bemerkenswertes Ausrufezeichen.

Ein Chassis wie in der guten alten Zeit

Doch wie talentiert geht die hitzig laute Karbonrakete ums Eck? Zahlreiche Experten haben sich zum Fahrverhalten schon abfällig geäußert. Von Unverständnis bezüglich der Technik und Abstimmung ist die Rede. Der Wagen sei nervös, wenig mitteilsam und unharmonisch. Nach den ersten Proberunden auf bekanntem Terrain ist man geneigt dem zuzustimmen. Die Lenkung wirkt um die Mittellage wenig motiviert, hechelt aber Unebenheiten nervös hinterher. Flottes Autofahren erfordert noch mehr Konzentration als üblich. Von der natürlichen Rückmeldung und feinnervigen Präzision eines Lotus erscheint der Alfa zunächst beinahe so weit entfernt, wie der FC Modena vom Aufstieg in die heimische Serie A.

Doch nach mehreren 1.000 Kilometern beginnt man das Handling dann doch zu verstehen. Sofern man sich daran erinnert wie einem anno dazumal ein Ferrari 328 das Laufen beigebracht hat. Ähnlich wie die alten Pferde ohne Servopumpe lässt man die Vorderachse einfach laufen und dirigiert mit bewusst lockerem Griff die per Doppelquerlenker geführten Pneus gezielt und mit bewusst kleinen Lenkeinschlägen über Unebenheiten. Der Grenzbereich liegt dafür auch nach moderner Physik extrem hoch und kündigt sich durch leichtes Untersteuern an. Lastwechselreaktionen bleiben weitestgehend aus, das Einlenkverhalten verdient die Präzisionsnote 1. Zudem dämpft und federt das steife Chassis auf höchstem Niveau trotz einer aus Platzgründen eher simpel konstruierten Hinterachse.

Nicht vollkommen, aber einfach gut

Die Traktion lässt auch ohne echte mechanische Sperre kaum zu wünschen übrig, wobei es auf nasser Fahrbahn dank des Turbohammers im Rücken leicht zu blitzartigem Übersteuern kommen kann. Dann sollte man zum Gegenlenken etwas Routine mitbringen, sofern sich das ESP im Race Modus befindet. In allen anderen Modi setzt die Elektronik etwas zu rigide die Zügel an. Die Bremsen mit ihrer superleichten Glocke aus Alu beißen mächtig zu. Druckpunkt und Dosierbarkeit erscheinen aber digital und verlangen etwas Feingefühl. Die mit Sportfahrwerk bewaffnete 4C Launch Edition ist fahrdynamisch hoch talentiert, stellt aber insgesamt weit mehr Ansprüche an den Fahrer als ein perfekt ausbalancierter Porsche.

Schwäbische  Vollkommenheit  geht dem Alfa Romeo 4C gänzlich ab. Er polarisiert, eckt an, zeigt Stärken wie Schwächen gleichermaßen. Trotzdem oder gerade deshalb versprüht er eine spezielle Aura, die preislich vergleichbaren Sportlern einfach abgeht. Man kann, aber man muss das italienische Heißblut nicht jagen, um es zu genießen. Es donnert markante Klangsalven ohne Lautsprecher heraus, hechtet nach vorne wie von Wespen gejagt und zieht die Blicke auf sich wie das Dekollete von Monica Bellucci. So einen unverschämt begierigen, athletisch durchtrainierten Alfa Romeo gab es schon ewig nicht mehr. Oder wann haben sie das letzte Mal Penne all’arrabbiata mit Brot und Handtuch gegessen?

Fotografen: Matthias Kierse (2 Bilder) & Martin Englmeier (9 Bilder)

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Kategorie: Magazin

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