Citroën BX 4TC – Wenig bekannte Sportwagen – Kapitel 17

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Nach einer längeren Pause möchten wir euch heute wieder einmal einen wenig bekannten Sportler mit vier Rädern etwas näher vorstellen. Diesmal: Ein Franzose, der auszog, um die Rallye-Weltmeisterschaft in der Gruppe B-Zeit zu erobern, dabei jedoch phänomenal scheiterte. Mit dem Citroën BX 4TC erschien ein Allradrallyetier auf der Piste, verendete und wurde so schnell wie möglich zu Grabe getragen. Umso interessanter aus heutiger Sicht.

Citroën BX 4TC

Citroën BX 4TC
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Fragt man heute herum, welche Fahrzeuge in der legendären Gruppe B auf den Rallyepisten dieser Welt unterwegs waren, hört man zu allererst die Namen „Audi Sport quattro S1“, „Lancia 037“ und „Lancia Delta S4“, sowie der „Peugeot 205 Turbo 16“. Danach wird es zumeist schon recht dünn. Einige Autofans können sich eventuell noch daran erinnern, dass auch Ferrari 288 GTO und Porsche 959 für diese recht frei gestalteten Regeln aufgebaut wurden, jedoch nicht mehr zum Zuge kamen, da aufgrund von schweren Unfällen sowohl die Gruppe B als auch die Nachfolge-Gruppe S umgehend von den Motorsportbehörden verboten wurden. Rallyefans, die eventuell schon einmal die „Slowly Sideways“ bei einer Rallye in Deutschland haben fahren sehen, kennen zusätzlich zu den bereits genannten Fahrzeugen noch den MG Metro 6R4 und den Ford RS200 aber dann wird es wirklich eng mit weiteren Nennungen. Einen dieser unbekannteren Wagen wollen wir hier vorstellen: Den Citroën BX 4TC.

Als sich Mitte der 1980er Jahre die Gruppe B immer mehr etablierte und riesige Menschenmengen an die staubigsten, matschigsten, abgelegensten Pisten dieser Welt lockte, dachten immer mehr Hersteller über ein geeignetes Einsatzfahrzeug nach, um diese Publicity für sich zu gewinnen. Die Rahmenbedingungen waren durchaus einladend: Lediglich 200 Exemplare des geplanten Wettbewerbsautos mussten als Straßenversion in den freien Verkauf gelangen. Ansonsten konnte man sich als Hersteller zwischen Sauger oder Turbomotor, Allrad oder Heckantrieb und jeglicher Karosserieform entscheiden, die das eigene Programm hergab. Obwohl bereits mit dem Peugeot 205 Turbo 16 ein durchaus erfolgreiches Auto aus dem Konzern in der Rallye-Weltmeisterschaft unterwegs war, dachte man auch bei Citroën intensiv über einen Einstieg in die höchste Klasse des Rallyesports nach. Man baute sogar verschiedene Prototypen auf Basis des Kleinwagens Visa und anderer Modelle, die jedoch gegen die antretende Konkurrenz nicht gegenhalten konnten.

Schließlich traf man die Entscheidung, die Mittelklasselimousine BX zum Angreifer werden zu lassen. Dieser Gedanke kam unter anderem auch dadurch auf, dass sich der BX in der Rallyeversion die Motoranordnung bei einem der erfolgreichsten Gruppe B-Autos, dem Audi quattro, abschauen sollte: Längs anstatt quer und mit der längeren Seite vor der Vorderachse. Dass bereits Audi dadurch Probleme mit untersteuernden Fahrzeugen hatte, schien in Frankreich niemanden zu interessieren. Zusätzlich wollte man der versammelten Rallye-Elite zeigen, dass das hydropneumatische Fahrwerk, für das Citroën bereits seit ID und DS bekannt war, auch auf Schotter, Matsch, Schnee und Staub durchhalten würde.

Wie bereits gesagt mussten für den Einsatz in der Rallye-Weltmeisterschaft mindestens 200 Exemplare für Privatbesitzer entstehen, die vor dem Ersteinsatz fertiggestellt sein mussten. Neben der längeren und breiteren Front, deren Motorhaube einen Powerdome trägt, fallen vor allem die verbreiterten hinteren Radhäuser auf. So wird Platz für größere Räder geschaffen, als es in der Serie möglich gewesen wäre. Zwischen den Scheinwerfern finden sich vier kleinere, rechteckige Zusatzleuchten. Auf dem Kofferraumdeckel hilft ein kleiner Heckflügel dabei, die Bodenhaftung der Limousine zu verbessern. Im Oktober 1985 war es soweit: Der Citroën BX 4TC konnte homologiert werden.

Unter der Haube verbauten die Franzosen einen 2,1 Liter großen Vierzylinder-Turbomotor, der es in der Straßenversion auf 147 kW/200 PS und ein maximales Drehmoment von 300 Newtonmeter bringt. So gerüstet spurtet die Limousine in 7,5 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von rund 220 km/h. Die Wettbewerbsversion, der in einer Auflage von 20 Exemplaren gebaute BX 4TC Evo, bringt es dank des KKK-Laders, der anstelle des Garret-Turbos der Straßenvariante verbaut wurde, auf 279 kW/380 PS und 460 Newtonmeter Drehmoment. Je nach Getriebeübersetzung beschleunigt der Evo in rund 5,5 Sekunden auf 100 km/h und konnte bis zu 280 km/h schnell werden. Das Fünfgang-Schaltgetriebe entstammte dem bereits in die Jahre gekommenen Citroën SM.

Das Interieur der Straßenversion glich in vielen Details dem des kurz später eingeführten BX Sport. Zusätzliche Rundinstrumente informierten den Fahrer über Öl- und Wassertemperatur, während bis zu vier weitere Personen in sportlichem Luxus auf Reisen gehen konnten. Die Wettbewerbsvariante Evo verzichtet verständlicherweise auf derartige Einbauten. Stattdessen verfügt sie über einen Sicherheitskäfig, zwei Rennschalensitze mit Sechspunktgurten, sowie technische Spielereien für den Beifahrer, um jederzeit den genauen Standort über sein Mikro an den Piloten weitergeben zu können.

Damit kommen wir auch schon zu dem Kapitel, das dem BX 4TC das Genick brach und ihn in der Versenkung verschwinden ließ: Der Rallyesport. Kaum zu glauben, aber ein Fahrzeug, das in erster Linie für den Motorsport entwickelt worden war, versagte genau dort. Citroën wollte in der 1986er Saison mit zwei bis drei Autos antreten. Doch bereits der Ersteinsatz bei der Monte Carlo war ein Desaster: In der ersten Wertungsprüfung fiel der erste Wagen mit einem Defekt an der Federung aus, fünf Prüfungen später verschwand das zweite Fahrzeug in einem Straßengraben, aus dem es allein nicht mehr herauskam. Totalausfall. Bei der folgenden Rallye in Schweden gab es gemischte Gefühle. Während das Team Wambergue/Vieu mit Motorschaden ausrollte, kamen Andruet/Peuvergne auf Gesamtrang 6 ins Ziel. Dies blieb der größte Erfolg des Wagens. Bei den rauen Bedingungen der Rallye Acropolis in Griechenland zeigte sich schließlich unmißverständlich, dass der BX 4TC Evo bei weitem nicht ausgereift war. Innerhalb von nur wenigen Wertungsprüfungen fielen alle drei eingesetzten Fahrzeuge mit Federungsdefekten aus.

Da die gleichzeitig in der französischen Meisterschaft eingesetzten Fahrzeuge ebenfalls unter ferner liefen unterwegs waren, zog Citroën schließlich den Stöpsel und beendete das Projekt abrupt. Dazu gab man die Anweisung, alle noch bei Händlern und im Werk befindlichen BX 4TC zu demontieren. Das erklärt, warum heuer kaum noch Fahrzeuge gesichtet werden, immerhin hatten es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 86 Wagen in private Hand geschafft. Bei einem damaligen Neupreis von 248.500,- Francs kein großes Wunder. In Deutschland war der BX 4TC übrigens nie zulassungsfähig. Heute sind noch rund 40 überlebende Exemplare des BX 4TC bekannt. Citroën selbst behielt je ein Rallye- und ein Straßenfahrzeug für die hauseigene Sammlung. Von den restlichen 19 Rallyewagen haben je nach Quelle zwischen 2 und 5 weitere überlebt, die jedoch in Sammlungen stehen und kaum einmal auf Veranstaltungen gezeigt werden. Ein weiteres Auto überlebte in der Haussammlung von Bertone in Italien – als Bertone Zabrus Conceptcar. In der Bretagne in Loheac steht ein BX 4TC Evo im Kreise seiner Gegner im Hommel-Museum.

Bleibt die Frage, ob der Citroën BX 4TC erfolgreicher gewesen wäre, wenn mehr Testarbeit investiert worden wäre? Aus heutiger Sicht natürlich schwer zu sagen, aber vermutlich nicht. 1986 ging mit Lancia Delta S4, Peugeot 205 T16 und Ford RS200 der Zug der Gruppe B bereits hin zu absoluten Spezialfahrzeugen, die nur für die Gruppe B gebaut worden waren, während der BX sich immer noch eng an die Serienversion anlehnte. Darüber hinaus war Ende des Jahres sowieso Schluss, nachdem es zu mehreren fatalen Unfällen mit Toten und Verletzten gekommen war. Die Gruppe B war, wie Walter Röhrl mit seinem Zitat: „Bei dem Auto bist du mit dem Denken schon zu langsam“ schön auf den Punkt brachte schlicht zu schnell für die ihr zur Verfügung stehenden Pisten geworden. Es war zweifelsfrei eine wilde und – man verzeihe mir den Ausdruck – geile Zeit, aber im Rückblick ist es selbst damaligen Rallyeprofis unheimlich, wie sie durch diese Menschenmassen einfach so mit Höchstgeschwindigkeit durchrasen konnten.

Falls jemand von Citroën mitliest: Ein Einsatz des im Werksfundus verbliebenen BX 4TC Evo im Rahmen des Eifel Rallye Festivals 2012 wäre sehr zu begrüßen! Wohl nur wenige Leser dieses Textes haben bislang ein solches Auto überhaupt mal live gesehen. In Bewegung wäre es umso eindrucksvoller.

Quelle: Citroën

Autor: Matthias Kierse

Kategorie: Magazin, Unbekannte Sportwagen

Kommentare (4)

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  1. Graunase sagt:

    Hochinteressant :-))!

  2. Andy962 sagt:

    Wirklich sehr interessant, vielen Dank!
    Erwähnenswert ist vielleicht noch das Citroen sich trotz des Gruppe B Fiaskos nicht entmutigen ließ und dem Rallysport treu blieb. Die nicht minder spektakulären Paris Dakar ZX konnten Anfang der 90er mehrmals Paris Dakar gewinnen und später der Xsara auch die Rally WM!

  3. Bodania sagt:

    Danke vielmals für diese Gedächtnisauffrischung. Damals arbeitete ich bei einem Zulieferanten von Peugeot-Talbot-Sport. Der damalige Leiter, Jean Todt, hat uns aufgefordert, den Kollegen seiner Schwesterfirma behilflich zu sein. Bei Citroen war das Budget viel, viel kleiner als anderswo und die Leute dort haben sich trotzdem den A aufgerissen. Hintergrund war eigentlich, die grossen Händler in Frankreich zu beruhigen und ihnen Perspektiven (und Hoffnungen) zu zeigen…
    Etliche Sonderteile wurden von Peugeot-Sport zur Wiederverwertung abgegeben, andere wurden auf dem freien Markt beschafft (Porsche Turbodruckkontrolle, Schriftzug abgeschliffen etc.) Uns wurde damals vieles mit "Politique de l’usine" erklärt…

  4. Stig sagt:

    Im http://www.race-inn.ch stand lange Zeit in einer Ecke die Strassenversion BXTC4. Eventuell steht sie sogar heute noch da.

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