Wahnsinn..., aalglatte Perfektion... Dies war der erste Gedanke der mir durch den Kopf schoss als ich den neuen
Lamborghini Gallardo LP560-4 nach einer ausführlichen Fahrt über Autobahn und Landstraße die Tage wieder abstellte. Wochen zuvor war ich mit dem Gallardo LP560-4 bereits über den Las Vegas Motor Speedway gehetzt, im Rudel auf der Jagd nach den Murciélago LP640 der
Lamborghini-Testfahrer.
Betrieb
Lamborghini in der Vergangenheit konsequente Modellpflege so darf die
Ferrari-Fraktion auf carpassion.com beim Gallardo LP560-4 endlich berechtigt von einem Facelift sprechen

. Die Front wurde im Stil des Reventón aggressiver re-designt, sie wirkt flacher und angriffslustiger. Während die Seitenlinie weitgehend unangetastet blieb kniet der
Lamborghini-Enthusiast beim Anblick des Heck laut „
Countach!“ rufend nieder: Endlich wieder eine feiste Vierrohrauspuffanlage, und was für eine! Sie schlägt den Bogen zu den klassischen
Lamborghini-Modellen vor der Audi-Ära und verschafft dem ansonsten optisch geglätteten Heck einen ordentlichen Schuss Boshaftigkeit. Das stylische Tagfahrlicht vorne in Y-Form und die vom Reventón abgeleiteten Bremslichter bilden das Tüpfelchen auf dem i eines wirklich gelungenen Entwurfs.
Nach dem Einsteigen begrüßt Mann (98% aller Besteller eines neuen Gallardo P560-4 sind männlichen Geschlechts) das Interieur des Gallardo LP560-4 wie einen guten Kumpel, denn der Innenraum blieb weitgehend unangetastet. Details wurden geändert wie das Design der Ziffern des Instrumentenkastens oder die Schalterleiste oberhalb der Klimaautomatik. Man findet sich sofort zurecht, kein Bedienelement gibt Rätsel auf, die Ergonomie ist perfekt, die Platzverhältnisse wie bei einem Allrad-Mittelmotorsportwagen erwartungsgemäß kuschelig.
Das erste Aha-Erlebnis bietet das Starten des Motors: Wo ist der Krach hin...? Wo der brüllende V10, der so kräftig und voluminös bollerte dass niemand glaubte er passe in diesen keine viereinhalb Meter langen Keil? In der Tat läuft der neue 5.2L-V10 des LP560-4 im Stand leiser, ähnlich wie einst auch der V12 des Murciélago auf dem Weg zum Murciélago LP640 an Stimmkraft verlor. Aber ich sollte noch erleben dass auch auf den Gallardo LP560-4 zutrifft was ich seinerzeit über den Murciélago LP640 schrieb: „Die Lautstärke hat abgenommen, der Sound aber ist runder, fein geschliffener, weniger technisch geworden. Wenn dies der Preis für all die anderen Verbesserungen ist zahle ich ihn gerne.“
Schon auf den ersten Metern sind die Unterschiede spürbar. Die Lenkung ist nochmals deutlich leichter geworden, nicht undifferenzierter, nur leichter, perfekter, Antriebseinflüsse wurden vollkommen eliminiert. Auch das Fahrwerk schluckt störende Unebenheiten deutlich besser als zuvor, man wähnt sich vergleichsweise wie in Doc Brown’s DeLorean DMC-12 knapp über der Erde schwebend, so sehr wird gefiltert.
Hat man Fahrt aufgenommen zeigt sich warum
Lamborghini einen Stier im Wappen trägt: Wie von der Tarantel gestochen stürmt der Gallardo LP560-4 nach vorne, unbeirrt, die Beschleunigung ist atemberaubend. Der Leistungszuwachs ist nicht nur für den Kenner spürbar, vor allem wenn zusätzlich der Corsa-Modus aktiviert ist und das E-Gear tatsächlich bis zu 40% schneller schaltet als im normalen Modus. Doch auch die Zugkraftunterbrechung richtet Grüße aus, hier bleibt der
Lamborghini Italiener, es gibt einen Tritt in den Rücken, kurz und knackig, aber nie störend und vor allem deutlich sanfter als noch in den Gallardo der 1. Serie mit 500 PS. Auf der Autobahn legt der Gallardo LP560-4 eine unglaubliche Elastizität an den Tag, noch mal mehr Druck als im vormaligen Coupé der 2. Serie mit 520 PS. Der Allradantrieb sorgt weiterhin für eine Traktion die physikalische Grenzen ad absurdum zu führen scheint, selbst bei Tempi weit über 200 km/h kann man bei Gangwechseln mit dem E-Gear die Hand vom Lenkrad nehmen, durch rein gar nichts lässt sich der Gallardo LP560-4 von einem dem TGV nicht unähnlichen Geradeauslauf abbringen.
Die oben beschriebenen Veränderungen – leiserer Motor, leichtere Lenkung, komfortableres Fahrwerk – sorgen dabei für ein fast surreales Fahrerlebnis: Der Gallardo LP560-4 geht vor allem auf der Landstraße so unfassbar gut, ist so unglaublich schnell, liegt so unglaublich sicher, hat gefühlt so überhaupt gar keinen Gegner, auch und vor allem nicht die Massenträgheit, dass einem Angst und Bange wird. Denn weder der Motor, noch die Lenkung noch die Federung geben dem Fahrer das Gefühl so schnell zu sein, alles geht unfassbar einfach von der Hand, ohne Aufhebens, ohne Krawall. Man hat das Gefühl in einem kleinen wendigen unbesiegbaren Raumgleiter zu sitzen, knapp über dem Asphalt schwebend. Auch weil die Fahrdynamik nicht von dieser Welt zu sein scheint. Und hier wird die Emotionalität bei all der dazu gewonnenen Perfektion erhalten: Das Herz pocht weil man nicht glauben kann wie einfach und ruhig man so verdammt schnell unterwegs ist. Der Gallardo LP560-4 ist somit definitiv kein Auto für Fahranfänger, Fahreinflüsse welche Geschwindigkeit erkennen lassen fehlen, es bedarf höchster Aufmerksamkeit und Selbstdisziplin. Dieses Auto ist ein imperialer TIE-Fighter auf Rädern, nichts lenkt den Piloten davon ab sich auf die Straße / den Gegner zu konzentrieren, jedes noch so grenzwertige fahrdynamisches Manöver wird ohne Anstrengung durchgeführt. Um classicdriver.de nicht modellspezifisch aber passend zu zitieren: „Intelligenter Perfektionismus moderner Autobahn-Kriegsführung“...
Trotzdem Fahreinflüsse minimiert sind kündigt sich der Grenzbereich weiterhin berechnend an: Bei eingeschalteten ESP wirft den Gallardo LP560-4 rein gar nichts aus der Bahn, man kann Gas geben so viel man möchte, irgendwann übernimmt sanft der Autopilot. Ist das ESP ausgeschaltet – und im Gallardo LP560-4 kann man es in Verbindung mit dem Corsa-Modus tatsächlich komplett deaktivieren, bei allen anderen Gallardo-Generationen schaltete es sich bei Bremsmanövern aus Sicherheitsgründen wieder hinzu – schiebt der Gallardo LP560-4 in zu schnell angegangenen Kurven sauber über die Vorderräder, bei kräftigen Gasstößen kann man aufgrund der entsprechenden Kraftverteilung des Allradantriebes das Heck zum Auswärtsschritt bewegen.
Vergisst man auf der Rennstrecke die Zeit zeigen sich bei entsprechender Fahrweise die Nachteile der inzwischen in Unmengen zur Verfügung stehenden Luxusgoodies, die ob der überwiegenden Nutzung aller Gallardo im Alltag von den Käufern verständlicherweise auch durchweg bestellt werden und das Gewicht in die Höhe treiben. Irgendwann beginnen die Reifen abzubauen, merklich, der Grenzbereich rückt näher, die Geschwindigkeit sinkt. Eine Eigenschaft die beispielsweise dem rauen Gallardo Superleggera in der Form nicht eigen ist, bis zu 100 kg weniger Gewicht drücken hier auf die Achsen und erhalten selbst die weichen Sportreifen lange am Leben. Ein Gewichtsvorteil der im Zusammenspiel mit dem sportlicher eingestellten Fahrwerk den Gallardo Superleggera auf den Rennstrecken dieser Welt innerhalb der Gallardo-Modellbaureihe weiterhin die Oberhand behalten lässt. Auf öffentlichen Straßen im alltäglichen Verkehr jedoch dürften sich ein Gallardo-LP560-4 und ein Gallardo Superleggera nichts geben.
Abgesehen freilich vom Sound. Denn der Tritt auch unter Last deutlich weniger in den Vordergrund als in den Gallardo der 2. Serie mit 520 PS, vor allem unterhalb 4.000/min wo die Auspuffklappen noch geschlossen sind. Ganz so zurückhaltend wie die Gallardo der 1. Serie mit 500 PS allerdings gebärdet sich der Gallardo LP560-4 nicht, sind die Klappen erst mal auf haben die Krümel Pause. Inzwischen bieten einige
Lamborghini-Vertragshändler die Steuerung der Auspuffklappen per Fernbedienung an, wer will kann also bereits im Stand eine Unterlassungsklage der Nachbarn provozieren

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Fazit: Der Gallardo ist einmal mehr erwachsener geworden und hat gelernt sich zu benehmen. Wer noch das E-Gear der 1. Generation kennt und lauthals über die hastigen, ungestümen Schaltwechsel geschimpft hat weiß wovon ich spreche. Wer bei einer Tunneldurchfahrt im Gallardo Spyder vor Freude in Tränen ausgebrochen ist weiß es aber auch. Die Perfektion fordert ihre Opfer, ein bisschen raue Faszination und herbe Emotionalität weniger, dafür neue begeisterte Käufer, die der Perfektion die
Lamborghini inzwischen anbietet nicht mehr wiederstehen können und den Sprung zu der Marke wagen, die einst Miura und
Countach für die Straße zähmte. Autos, die den heutigen Käufern schon auf den Postern in ihren Jugendzimmern Angst einjagten.
Der
Lamborghini Gallardo LP560-4 ist in vielen Punkten perfekt zwischen
Ferrari F430 und
Porsche 997 Turbo positioniert. Italienische Emotionalität, ein aufregend wildes Design und ein exotisches Image gehen einher mit perfekter deutscher Verarbeitung, einer Phalanx an alltags- und allwetterorientierter Technik sowie Ausstattungsmöglichkeiten eines Luxus-Granturismo bis hin zur Rückfahrkamera und iPod- oder USB-Anschluss.
Technisch baut
Lamborghini seinen Führungsanspruch aus: Mit einem 560 PS leistenden 5.2L-V10 und Allradantrieb steht der
Lamborghini Gallardo LP560-4 einmal mehr an der Spitze seiner Klasse.
Porsche und
Ferrari müssen hier seit je her Leichtbau-Straßenrennwagen aufbieten um den Serien-Coupé der Gallardo-Modellbaureihe davon zu fahren. Und daran wird sich zumindest in naher Zukunft nichts ändern

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